Wir gelten nichts!

Ein Gespräch mit einer neunzigjährigen Bekannten beschäftigt mich. Zurückgekehrt von einem Familientreffen, erklärte sie mir resigniert: "In unserer Gesellschaft gelten alte Menschen nichts."
Ist das wahr? Aus meiner Sicht denke ich, dass es die Alten nie besser hatten. Vor 30 oder 40 Jahren war man mit 65 alt. Meine Bekannte hat in diesem Alter aber erst ihre Freiheit gefunden, Zeit gehabt, sich weiterzubilden. Eine gute Witwenrente kann sie mit vollen Händen ausgeben, wozu sie früher, als sie noch Hausfrau und Mutter war, nie den Mut gefunden hätte.
Das Gesundheitssystem mag fragwürdig sein, doch nie wurde umfassender behandelt und gepflegt. Nie wurde man älter als heute...
Szenenwechsel: Wir können genauso sagen: "Kinder gelten in unserer Gesellschaft nichts" Und da ist schon mehr dran, als bei den Alten. Übertrieben verhätschelt und beobachtet, erzogen und gedrillt zu Leistung und andererseits kein Zuhören mehr, abgeschoben in Kindertagesstätten, vor den Fernseher, den PC oder in die Vereine.
"Jugendliche gelten in unserer Gesellschaft nichts" - wo ist die Berufsperspektive? Wen interessiert das? Warum lassen wir sie damit allein?
"Dicke gelten in unserer Gesellschaft nichts" - ja, sie sind faul, das weiss jeder. Sie sind undiszipliniert, doch immerhin gemütlich und bisweilen humorvoll, oder? Sie gelten nur was, wenn sie als Komiker/innen auftreten.
Psychotiker gelten in unserer Gesellschaft nichts, ihr sozialer Abstieg ist vorprogrammiert, Künstler gelten auch kaum was, es sei denn, sie sind wirklich reich und berühmt. Wir rümpfen unsere Nasen über Politiker genauso wie über Ärzte und Lehrer - und gemeint sind selbstverständlich beide Geschlechter.
Ich komme mehr und mehr zu dem Ergebnis, dass praktisch kaum jemand in unserer Gesellschaft etwas gilt. Ich grüble....
Früher dachte ich, wenn ich einen Doktortitel hätte, dann würde ich was gelten. Jetzt höre ich aber: Ein Doktortitel gilt schon lange nichts mehr!
Und wie wäre es als "Vollweib"? So wie Christine Neubauer? Vielleicht eine Perspektive auf Zeit.
Aber ehrlich gesagt: Es ist mir wurscht. Viele von uns leben in einem System, zu dem sie nicht gehören, wo nur eine winzige Minderheit Bedeutung hat und regiert. Ob wir dazugehören, ist Glücksache. Vielleicht ist es sogar manchmal ein Glück, nicht dazuzugehören - wer weiss?

Was wirklich zählt, ist doch unsere Fähigkeit, trotz allem das Gute und Schöne im Leben sehen und genießen zu können.
Meine alte Freundin kann das - sie hat es nur kurz vergessen, und das kommt nicht nur in hohem Alter vor.
Erst neulich im Fitnessstudio stand ein großes Foto von ihr auf der Theke: "Unsere älteste Kundin."
Ob das nun etwas gilt oder nicht - wer bestimmt das?

Kommentare:

artista hat gesagt…

Dieses Posting hat mich sehr berührt...ich habe oft den Eindruck ich gelte nichts...bin nicht arbeitsfähig...habe auf Grund meines Lebens fast alles verloren...und bekomme dafür keine Alternativen in dieser Gesellschaft geboten....

Nach dem Lesen deines Postings bin ich ins Nachdenken gekommen...

Wieso meinen wir nur was zu gelten, wenn wir von der Gesellschaft anerkannt werden?

Wer bestimmt unseren Wert? Lassen wir ihn bestimmmen oder müssen wir das nicht selber tun?

Herzlichst
artista

Lebenskünstler hat gesagt…

Liebe Artista,
Danke für deinen Beitrag! Natürlich ist es nicht leicht, wenn die Gesellschaft im allgemeinen einem keine oder wenig Wertschätzung entgegenbringt. Es ist immer wieder eine Herausforderung, sich darüber hinwegzusetzen, und manchmal tut es sogar sehr weh.
Aber etwas gibt mir Kraft und Hoffnung: Die letzte Verantwortung für unser Leben tragen wir selbst - egal wie die Umstände sind, in die wir hineingeboren wurden. Wir allein bestimmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Das ist unsere wahre Freiheit.
Herzlich, Petra

maggie hühü hat gesagt…

Hallo liebe Petra,

ja an dieser Frage ist was dran.
Aus diesem Grund habe ich mich intensiv damit auseinander gesetzt, und bin zu dem schluss gekommen, das es egal ist was die "Gesellschaft" von mir hält. denn diese sogenannte "heutige Gesellschaft" gilt nix!

Ich messe meinen Wert nicht am haben und wollen, nein das gilt nichts!

Die Taten zählen. Die Werte die vermittelt werden zählen.

Kämpft für Euch und Eure Überzeugung, lasst euch nicht minder machen. Wisst wer ihr seid und zeigt es der Welt das zählt für mich.

Liebe grüße kerstin

RUDHI - Chance hat gesagt…

Mir kommt der Künstler-Spruch in den Sinn: "Willst du was gelten, dann mach dich selten!" Denn wer groß sein will, sollte sich auch klein machen können; bzw,wohlwühlen; ungeachtet äußerer Beachtung. Aber du hast ja die schönste Lösung schon vorweg genommen, das Schöne im Leben (auch) zu sehen, zu erleben; und das ist eigentlich in jedem Alter möglich... Und auch Annäherungen und Begegnungen zwischen allen Altersstufen sind möglich - wenn die Alten tolerant(er), und die Jungen etwas geduldig(er) sind...

RUDHI - Chance hat gesagt…

...sollte heißen, wenn man sich auch *klein* wohlfühlen kann...

Gabriela hat gesagt…

Liebe Petra

ganz erstaunt und überrascht sehe ich, dass du die Kommentarfunktion wieder aktiviert hast. Ich habe mich darauf schon ganz lange nicht mehr geachtet. Ich freue mich riesig darüber!

Ich habe den wichtigsten Impuls der letzten Wochen von einer über 80 jährigen Frau bekommen. Meine Achtung vor der Weisheit und der Erfahrung von lebendig gebliebenen sogenannt alten Menschen steigt stetig. Ich schaue gerne in die lachenden Augen mitten in zerfurchten Gesichtern.
Ich lese gerne Gesichter, ob sie zu Künstlern, Kindern, erfolgreichen oder einsamen Menschen gehören interessiert mich nicht wirklich. Was mich fasziniert, ist die Durchlässigkeit dieser Fenster, oder aber ihre Verschlossenheit, die mich ahnen lässt, dass Lebensgeschichten zum Schliessen geführt haben.
Ich für meinen Teil dieser Gesellschaft möchte jeden Menschen auch als Spiegel meiner selbst und unserer alles verbindenden Göttlichkeit wahrnehmen lernen.

Herzlich

Gabriela, die als Nur-Hausfrau allen Grund hätte, sich minderwertig zu fühlen :-)

Lebenskünstler hat gesagt…

Liebe Gabriela,
schön, deinen Kommentar zu lesen. Ja, so sehe ich das auch.
"Nur-Hausfrau"?? Meine Mutter nennt sich gern "Familienmanagerin". Und das ist sie wahrhaftig!

Mit den Kommentaren mache ich es nach Belieben.
Gruss von petra

Gabriela hat gesagt…

Ich nenne mich auch so (Familienmanagerin), fühle mich auch so. Aber von der Gesellschaft, "der" Gesellschaft, ist dieses Dasein eben auch nicht wirklich anerkannt.

Mich stört das nur selten, weil ich weiss, dass hinter solchen Einschätzungen oft Nichtwissen(wollen) und Nichtverstehen(können) steckt.

Lieben Gruss
Gabriela