Alles was Odem hat

Als Pfarrerstochter war ich mit Gott und der Bibel, aber vor allem mit dem evangelischen Gesangbuch, schon als Kleinkind unterwegs. Kaum konnte ich sprechen - und das zum Leidwesen meiner Eltern schon sehr früh - rezitierte ich Bibelverse oder sagte die Propheten auf.
Jetzt war aber Gott für mich nie ein Mann mit Bart, auch nicht ein Vater, denn einen Vater hatte ich ja. Wenn also der Vater angesprochen wurde in den Versen, dachte ich, es sei mein Vater gemeint.
Und auch wenn ich später merkte, dass es anders war, ist Gott für mich immer etwas Allumfassendes geblieben. Und weil man diese unsichtbare Präsenz weder beweisen noch benennen kann, versucht man es mit dem Wort Gott.
Da ich mir also unter Gott weder einen bärtigen alten Mann, noch eine vollbusige Dame mit dickem Bauch vorstelle, ist für mich die Göttin, sowie der bärtige alte Mann, nur als Archetyp interessant.
Man hat in den letzten Jahren die Bibel neu übersetzt, was mein Langzeitgedächtnis erheblich ins Schwanken bringt. "Alles was Atem hat", lese ich da und bin völlig verwirrt. Richtig heißt es nämlich: "Alles was Odem hat".
Odem ist doch nicht Atem - ich bin halbwegs entsetzt, denn das wußte ich doch schon als kleines Kind, dass Odem sowas wie das Elixier Gottes ist. Das ist nicht einfach Luftholen, es ist dasselbe wie im Indischen "Prana", die Lebensenergie, die Heilkraft, die Lebensflamme... bei den Asiaten ist es das Ki oder Chi.
Mit dem Wort Atem bin ich auf dem Boden der kirchlichen Realität gelandet: Dort ist kein Platz für den sanften, ätherischen Odem. Man streicht ihn einfach weg. Da muss ich jetzt mal tief durchatmen, um das zu begreifen.
Obwohl: In einem kirchlichen Kursangebot lese ich dann wieder: Tai Chi! Sollte der Odem sich da durch die Hintertür wieder seinen Platz suchen?