Es ist Zeit...

Bei Ingeborg Bachmann finde ich immer wieder Texte, die mich anrühren, begeistern oder mir Mut und Vertrauen in meine Arbeit geben. Und seit ich die Briefe Bachmann/Celan gelesen habe, entdecke ich all die versteckten Botschaften, Antworten, Parallelen in ihren Texten, die sich auf Celan beziehen. "Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt", sind Celans Worte in "Corona".
In "Dichtung und Musik" schreibt Ingeborg Bachmann:

"So müßte man den Stein aufheben können und in wilder Hoffnung halten, bis er zu blühen beginnt, wie die Musik ein Wort aufhebt und es durchhellt mit Klangkraft"
.
Und weiter:

Denn es ist Zeit, ein Einsehn zu haben mit der Stimme des Menschen, dieser Stimme eines gefesselten Geschöpfs, das nicht ganz zu sagen fähig ist, was es leidet, nicht ganz zu singen, was es an Höhen und Tiefen auszumessen gibt. Da ist nur dieses Organ ohne letzte Präzision, ohne letzte Vertrauenswürdigkeit, mit seinem kleinen Volumen, der Schwelle oben und unten — weit entfernt davon, ein Gerät zu sein, ein sicheres Instrument, ein gelungener Apparat. Aber etwas Unbenommenes von Jugend ist darin oder die Scheue des Alters, Wärme und Kälte, Süße und Härte, je­der Vorzug des Lebendigen. Und diese Auszeichnung, hoffnungsloser Annäherung an Vollkommenheit zu die­nen.

Es ist Zeit, dieser Stimme wieder Achtung zu erweisen, ihr unsere Worte, unsere Töne zu übertragen, ihr zu ermög­lichen, zu den Wartenden und zu den Abgewandten zu kommen mit der schönsten Bemühung. Es ist Zeit, sie nicht mehr als Mittel zu begreifen, sondern als den Platzhalter für den Zeitpunkt, an dem Dichtung und Musik den Au­genblick der Wahrheit miteinander haben.
Auf diesem dunkelnden Stern, den wir bewohnen, am Ver­stummen, im Zurückweichen vor zunehmendem Wahn­sinn, beim Räumen von Herzländern, vor dem Abgang aus Gedanken und bei der Verabschiedung so vieler Gefühle, wer würde da - wenn sie noch einmal erklingt, wenn sie für ihn erklingt! - nicht plötzlich inne, was das ist: Eine menschliche Stimme.

Aus Werke in vier Bänden, Essays, „Musik und Dichtung“ von Ingeborg Bachmann, erschienen bei Piper