Sei einfach du selbst - Teil 2

Auf Geburtstagsfeiern begegnet man den unterschiedlichsten Menschen, was ich immer sehr anregend finde. Plötzlich befindet man sich in einem Gespräch das tiefer geht, als man eigentlich vor hatte. Während rund herum der Smalltalk schnattert, tauche ich ab und lasse mich von meiner Gesprächspartnerin mitnehmen in eine andere Zeit. Und die Frage steht im Raum: Wer bin ich eigentlich? Ist Bildung wirklich alles? Bin ich mehr, wenn ich gebildet bin? Mir fällt plötzlich wieder der Spruch ein, den ich zur Einschulung mit auf den Weg bekam: "Spare, lerne, leiste was. Dann hast du, kannst du, bist du was."
Aber hier höre ich von einem Mann, der wohl wenig Bildung genießen durfte, der einen einfachen Beruf hatte, der aber in seiner Freizeit ein Schriftsteller war. Interessant ist für mich weniger, welche Qualität sein Schreiben hatte, als viel mehr, dass er es überhaupt getan hat!

Ich habe zwar mein Abitur geschafft, aber eine Universität kam für mich nie in Frage, es wäre undenkbar für mich gewesen, weitere Jahre in einer Schulbank zu sitzen, ich wollte kreativ sein, etwas bewegen. Schule hat mich immer eingeengt. Manchmal hätte ich auch gern einen Doktortitel, spüre den Minderwertigkeitskomplex, der mich überwältigt, wenn ich mitten unter den Professoren und Doktoren stehe, als Dozentin ohne einen solchen Titel.
Würde dieser Titel mir mehr Persönlichkeit bescheinigen? Mehr Intelligenz? Würde man mich ernster nehmen?
Nun ja, ich bin nun mal eine anderer Typ. Setze mir lieber eine Narrenkappe auf. Inzwischen ist mir bewusst, dass Wissen nicht immer Weisheit bedeutet, sie allerdings auch nicht ausschließen muss.
Am nächsten Tag höre ich, dass die 13jährige Tochter meiner Freundin jetzt ein Buch schreibt. Sie hat eine Legasthenie. Und ich bin sicher, das kümmert sie wenig. Was bedeutet schon Rechtschreibung, wenn man Geschichten erzählen will?