Freude , Glück - ach ja!

Nachdem mich Anrufe und e-mails erreichten: "Was ist los? Gehst du ins Kloster? Bist du krank? Hast du keine Lust mehr?" bin ich jetzt wieder aufgetaucht. Ja, es war von allem ein bisschen, deswegen eine schöpferische Pause. Nachdem ich mich durch fast alle kosmologischen Wälzer der guten Hildegard von Bingen gearbeitet hatte, war nun ein Besuch in einem ehemaligen Benediktinerkloster wie geschaffen. Ich war eingeladen, im Benediktushof Holzkirchen, ein Zen- und Meditationszentrum bei Würzburg, einen Vortrag und einen Workshop zu halten zum Thema: Freude Lust und Glück. Man hatte angefragt, ob ich mittels Tanz die Menschen dort in die Ekstase führen könnte. Damals, als ich zugesagt hatte, hatte ich noch nichts von Hildegards Thesen der Maßhaltung gelesen. Hildegard hat ihre Visionen eben nicht in Ekstase bekommen, sondern vollkommen klar - was sie mir noch sympathischer und vor allem glaubhafter macht.
Je näher der Termin rückte "Freude Lust und Glück", desto depressiver wurde ich. Was, wenn diese Zen - trainierten Menschen gar nicht wild und ausgelassen springen wollen? Was, wenn sie so meditativ sind, dass sie nur ganz bei sich ganz viel fühlen? Dann bin ich doch fehl am Platz! Ich, die ich keine zehn Minuten die Augen zu machen kann! Lone versuchte mich mit den Worten zu beruhigen: Sei einfach du selbst. Was aber eben grade mein Problem war, denn ich bin doch so gar nicht meditativ, kontemplativ. Also gut, ich versuchte alle meine Vorstellungen über den Haufen zu werfen und einfach das zu tun, was für mich Freude und Glück ausdrückt: wahrhaftig zu sein im Tanzen und in allem, was man tut. Und es wurde ein fantastisches Wochenende! Freitags kam ich an und tatsächlich war ich zunächst irritiert davon, dass so gut wie gar nicht gesprochen wurde. Wenn die Leute saßen, saßen sie - und nichts sonst. Als Gerhard die Ney-Flöte spielte wurde das ganz meditativ aufgenommen, hinterher Stille. Ich fragte mich, ob den Leuten nicht klar ist, dass ein Künstler, vor allem, wenn er zum ersten Mal vor einem neuen Publikum spielt, ein gewisses Maß an Anerkennung und Applaus braucht? Nein, das wussten sie nicht. Man genoss und schwieg. In der Nacht auf Samstag hatte ich allerdings nicht meinen sonst üblichen Albtraum, dass ich schreien muss, weil keiner mir zuhört. Mir war spätestens jetzt klar, dass ich diese Menschen in eine ausgelassene Stimmung bringen wollte - und ob das dann für manche ekstatisch sein würde oder nicht, war Nebensache. Und es ist mir gelungen. Sie hüpften und lachten, ließen sich durch meine Geschichte über Namibia und meine Begegnung mit dem San-Mädchen berühren. Es war für mich ein wunderbares Gefühl, dass meine Botschaft angekommen war: Wir sind glücklich, wenn wir wir selbst sein können, wenn wir uns verbinden können, auch mit dem, was uns fremd ist. Wir Menschen sind dafür geschaffen, uns auszudrücken, unsere Liebe und unser Mitgefühl bei uns selbst wahrzunehmen und es dann nach außen zu tragen. Nach meinem Vortrag wurde ich umarmt, abgeküsst... ich war ganz erstaunt! Zu meinem Workshop hatten sich so viele Teilnehmer angemeldet, dass ich den schönsten Raum bekam und es ein wunderbarer Nachmittag wurde. Nicht alle Referenten waren das ganze Wochenende da. Aber diejenigen, die es waren, waren auch ganz besonders. Es war für mich eine Bereicherung, sie näher kennengelernt zu haben und Einblick in ihre Arbeit bekommen zu haben: in Musik, Malerei, therapeutische Arbeit mit Kindern und Erwachsenen. Menschen so kennenzulernen ist für mich Glück, Freude.
Es kamen noch ein Visionssucher und ein Clown (der allerdings gar kein Clown war - zumindest nicht, wenn man Marie-Gabriele kennt, die das wirklich ist - sondern ein perfekter Kabarettist), aber sie konnten mich beide nicht wirklich überzeugen. Lachen bedeutet nicht immer, dass man glücklich ist. Humor hat viele Seiten und ist nicht immer liebevoll. Obwohl ich der Meinung bin, dass echter Humor zur wahren Spiritualität führt. Denn echter Humor ist die Liebe zum Menschen und zu allem allzu menschlichen. Auf der untersten Ebene kann ich jeden erreichen, auf der höchsten Ebene nur wenige. Jetzt kommt es darauf an, für welche Ebene ich mich entscheide und wie ich dabei meinen Erfolg definiere. Ich habe Clowns und Spaßmacher als Kind gehasst. Es ging zu oft auf Kosten der Schwächeren und die Freude war gekoppelt an Schadenfreude. Als Erwachsene kann man das besser kompensieren, da nennt man das dann Kabarett. Marie-Gabriele hat mir den wahren Clown nahe gebracht, als ein Wesen, das dich bedingungslos liebt und selbst den traurigsten Menschen wieder zum lächeln bringt.
Aber zurück zum Geschehen: Christoph Quarch, den ich sehr schätze, hielt zum Abschluss einen genialen Vortrag über die Freude, das Glück und die Seligkeit. Da wurde alles zusammengefasst, was Philosphen über die Jahrhunderte darüber dachten. Und er bestätigte für mich genau die Auffassung, die ich neulich hier im Blog schon beschrieben hatte unter "Der Erfolg ist der Erfolg...?"
Glück ist kein Event. Glück und Seligkeit ist Gnade. Und es ist erlaubt, auch traurig zu sein, keine Lust mehr zu haben, mit Wut im Bauch zu resignieren. Nur dann werden wir den Unterschied wahrnehmen können, wenn uns wieder glückliche Zeiten geschenkt werden und wir verliebt sein können in das Leben selbst.

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