"...und sag nicht immer Mutti zu mir"

Muttergipfel nannte sich die Ver- anstaltung, die Lone und ich besucht haben. Gemeint waren aber alle Frauen, da, wie es in der Ankündigung hieß, jede in sich den mütterlichen Aspekt trage (was ich allerdings mittlerweile in Frage stelle). Es ging in erster Linie um Matriarchatsforschung. Da ich eine Verfechterin des Positiven bin, ohne dass jedoch mein kritisches Auge einen Kontroll- verlust erleidet, möchte ich mich zunächst dem zuwenden, was ich als inspirierend und bereichernd empfand. Zum Beispiel sah ich in den Pausen zwischen den Vorträgen und außerhalb des Kongressgeländes verstärkt mütterliche Männer! Ich schloss für mich daraus, dass das Mütterliche keineswegs gebärmutterabhängig ist, sowie ich ebenfalls der Meinung bin, dass männliche und weibliche Eigenschaften in jedem Menschen stecken können und es darauf ankommt, wie wir den jeweiligen Anteil stärken.
Es gab bei dem Kongress mehrere Ausstellungen, wobei eine ganz herausragend war und deutlich zeigte, wieviel Gestaltungskraft, Lebendigkeit und Bewegung in der Künstlerin Bruni Kluss steckt. Ihre Kunst ist in meinen Augen nicht nur rein weiblich. Die Qualität liegt gerade darin, dass weibliche und männliche Anteile ausgewogen sind. Es ist zum einen ihre weibliche Intuition und visionäre Kraft und zum anderen ihr Mut zu großen Skulpturen, aufwändigen Installationen, kräftigem Material und Strukturen, die ihrer Kunst außergewöhnliche Ausdruckskraft verleihen.
Wie bedeutend es für die künstlerische Arbeit ist, Weibliches und Männliches in Harmonie zu verbinden, zeigte ebenfalls der Tänzer Aliou Diéme. Es war die wunderbarste tänzerische Darbietung, die ich seit langem gesehen habe.
Er tanzte einen traditionellen Mutter-Sohn-Tanz, der aber genauso gut ein Vater-Tochter-Tanz sein könnte. Zärtliche, wiegende Bewegungen wechselten mit kraftvollen, leidenschaftlichen. Sein körperlicher Ausdruck war so stark, dass sich vor mir zahllose Bilder zeigten, die mit meinem eigenen Leben zu tun hatten. Es traf mich mitten ins Herz. Sprachlos war sein Auftritt und blieb es auch. Nichts wurde mit Worten kommentiert, dafür war ich dankbar. Sein Tanz hatte alles gesagt: Es darf keine Trennung geben zwischen männlich und weiblich, zwischen Mann und Frau. Unsere Aufgabe im Leben ist es, sich ständig darum zu bemühen, diese beiden Pole im Gleichgewicht zu halten, dann können wir friedlich leben.
Der Unterschied zwischen Patriarchat und Matriarchat besteht nur aus einem Buchstaben! Mehr Unterschied kann ich nicht entdecken.
Frauen können ernst genommen werden und positiven Einfluss gewinnen, wenn sie lernen: Termine und Zeiten einzuhalten (dieses bedeutet nämlich Wertschätzung gegenüber den anderen, die sich an diese Zeiten halten), Prioritäten setzen (was ist wichtiger: eine Verlegerin, die kurz mal vorbeikam, zu feiern, oder eine weit gereiste Mexikanerin pünktlich ihren Vortrag halten zu lassen und ihr dafür genug Zeit einzuräumen), Applaus entgegen nehmen zu können und zu genießen (wie wir von der Mexikanerin lernen konnten) und, das vor allem, kritische Fragen souverän und wertschätzend zu beantworten, statt aggressiv und bösartig.
Wenn es uns Frauen gelingt, sich an diese paar Regeln zu halten, können wir lässig neben den Männern stehen.
Danke an alle, die diese Predigt zuende gelesen haben. Nun könnt ihr euch noch zu meiner Jahresgruppe anmelden, dort werden diese Themen vertieft und praktisch und lebensnah umgesetzt, frei von allen theoretischen Denkmustern und Modellen. ;-)

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