Butoh - der Tanz mit den Wunden

Der Butoh -Tanz kommt aus Japan. Ich hatte mich zu dem Workshop in Berlin an- gemeldet,in der Vorstellung, dass es hier um puren Ausdruckstanz geht. Einige, mit denen ich darüber gesprochen hatte, sagten: Butoh ist eher langweilig, sehr langsam! Oh je, da brauchst du eine halbe Stunde, um einen Schritt zu machen! Genau das Richtige für mich, dachte ich, nach einer Seminarwoche in Bad Wildungen. Wir waren eine Gruppe von ca. 17 Personen, die sich in Kreuzberg in einem ziemlich schmuddeligen Gebäude trafen. Wieder mal wurde mir bewusst, wie wichtig bei Bewegungsarbeit der Raum ist! Die Atmosphäre eines Raumes bestimmt den Verlauf des Workshops, wenn man nicht etwas dagegen hält, bzw. damit arbeitet. Dazu brauche ich kein Feng-Shui Wissen, um das zu spüren! Mich hat nur gewundert, dass die Kampfsportgruppe, die vor uns dran war, sich ständig vor diesem schmuddligen Raum verbeugte, statt mal einen Putzlappen in die Hand zu nehmen...
Aber unsere japanische Lehrerin zeigte sich davon unbeeindruckt und begann mit sehr energievollen Atemübungen, kraftvollen Bewegungen, alles andere als langsam! Ich war erstaunt, wie schnell ich an meinen Kern kam, an meinen Mittelpunkt, da wo alle Impulse der Bewegung herkommen. Sie sagte, Bewegung ist nicht Aktion, sondern immer Re-Aktion. Der Blick ist immer auf den Horizont gerichtet, also oben, die Augen geöffnet. Zu mir sagte sie: "Deine Augen strahlen. Lass sie weiter strahlen, dann sind deine Bewegungen richtig." An meine Nachbarin gewandt: "Wer nach unten schaut, lässt seinen Geist sinken!" Das erinnerte mich an meinen Ausspruch: "Seid nicht so meditativ!" Damit meine ich, dass es in meiner Arbeit nicht sinnvoll ist, die Augen zu schließen und ganz für sich ganz viel zu fühlen. Es ist viel wichtiger, sowohl bei sich, als auch nach außen gerichtet zu sein, und somit viel mehr wahrzunehmen.
In unserer Gruppe war leider wenig Kontakt zwischen den Tänzerinnen. Jede tanzte in ihrem eigenen Universum - das war sehr schade, denn Tanzen ist für mich Kommunikation, Wahrnehmung, Ausdruck. Nie wurde gelacht, wie es normalerweise in der Bewegung passiert, denn Bewegung befreit, löst und beschwingt. Ich wunderte mich, dass mir fortwährend Tränen kamen, ohne dass mir klar war warum! Als meine Lehrerin das sah sagte sie: "Wie schön, dass du weinen kannst!" Was Butoh nun wirklich ist, erfuhr ich erst, als ich nämlich im Anschluss an den Workshop in den Film "Kirschblüten" ging, ohne zu wissen, dass es darin um Butoh-Tanz geht! Während ich den Film sah, verarbeitete ich alles, was ich an Bewegung gelernt hatte, tanzte in meiner Vorstellung alles noch einmal. Da wurde mir erst richtig klar, woher meine Tränen gekommen waren: Butoh ist ein Tanz des Elementes Wasser. Butoh ist für alle, die nicht weinen können. Du tanzt so lange, bis deine Tränen da sind und alle Schmerzen sich darin auflösen. Butoh öffnet deine Narben und schließt sie sanft.

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