Fäden verbinden


Am Wochenende tobte der Sturm, sodass wir uns zeitweise kaum aus dem Haus trauten. Erst gestern Abend wurde es ruhiger. Wir fuhren nach Saulgau zu einem Vortrag der Deutsch-Afghanischen Initiative Freiburg, anlässlich der Frauenwoche. "Fäden verbinden Frauen" war der Titel. Es ging um Frauen in Afghanistan, die kleine Quadrate besticken, die hier bei uns verkauft werden. Die Frauen verdienen sich so etwas Geld. Ich habe schon lange keinen so spannend gehaltenen Vortrag erlebt: Pascale Goldenberg, die das Ganze initiiert hat, hat uns mitgenommen nach Laghmani, ein Dorf 70 km von Kabul entfernt. Sie selbst hat die Frauen dort animiert, die alte Tradition des Stickens wieder aufzunehmen. So lernen es die Jungen von den Älteren. Aber es geht nicht allein nur um´s Sticken. Das Entscheidende an der Sache war, dass die Frauen von Frau Goldenberg aufgefordert wurden, mit den Farben zu spielen, Muster zu entwerfen, sich darin auszudrücken. Was mir an dem Vortrag am meisten imponiert hat, war, dass Frau Goldenberg so voller Begeisterung, aber auch Beharrlichkeit war. Sie ließ nicht einfach alles durchgehen, es mussten schon künstlerisch gute Stickereien sein, die sich verkaufen lassen. Zu jeder stickenden Frau hatte sie eine Beziehung - klar, die Fäden verbinden, übertragen die Geschichte der Frauen, lassen uns an ihrer Entwicklung teilhaben. Da geht es nicht nur um ihre Entwicklung in der Fertigkeit des Stickens. Man spürte bei einigen deutlich, wie sie innerlich freier wurden, mehr Farbe gebrauchten, völlig neue Motive wählten. Denn z. B. gegenständliche Dinge waren dort immer tabu. So deutlich sollte man sich nicht ausdrücken. Und nun entstanden Blumen, Vögel, Landschaften, sogar Schriften! Aber auch von Enttäuschungen erzählte sie: Es gibt einige Frauen, die nichts verstanden haben, einfach nur ganz viel machen und das Geld wollen - aber die Muster sind langweilig, bleiben ohne Lebendigkeit. Ja, so geht´s mir ab und zu auch, wenn ich beim Tanzen jemanden sehe, der zwar perfekte Bewegungen macht, aber nicht ein Funke von eigenem Ausdruck dahinter steckt.
Mir hat der Vortrag gezeigt, dass vielleicht nicht alle Frauen ihre Chance wahrnehmen können, dass es aber die Mehrheit tut, jede in ihrem eigenen Rhythmus. Frau Goldenberg ist für mich ein glänzendes Vorbild für eine weibliche Führungskraft. Mit viel Wärme, Anteilnahme und Verantwortungsgefühl, aber auch Konsequenz und Beharrlichkeit, führt sie ihr Projekt. Die Frauen werden wirklich von ihr ernst genommen, wachsen an den Aufgaben, die sie ihnen stellt. Damit gibt sie ihnen eine neue Würde.
Bis 29.03. ist die Ausstellung noch im Literaturcafe Colibri in Bad Saulgau zu sehen. Dort kann man auch die kleinen Stickquadrate kaufen. Mehr Info unter www.deutsch-afghanische-initiative.de

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