Zwischen Himmel und Erde

Früh morgens ging´s los: Erstmal nach Freising wo Lone noch etwas ge-
schäftliches zu tun hatte, dann einen kleinen Abstecher nach Landshut, um Lise zu treffen,
Matriarchin aus Leidenschaft, könnte man sagen und Beschützerin aller Frauen, die mehr wollen, als nur am Herd stehen. Landshut war nicht so prickelnd für mich. Aber das ist ja bekannt, dass ich mich noch nie mit dieser Stadt anfreunden konnte. Deshalb war es umso schöner, Lise wiederzusehen, mit 87 noch voller Elan und Begeisterung. Sie hat erst vor kurzem ihre Wohnung komplett renoviert, altes Zeug ausgemistet und freut sich jetzt sehr über ihr frisches, helles Zimmer.
Schließlich ging es dann weiter in Richtung Salzburg. Unser Hotel in Großgmain hatte den gewissen österreichischen Charme, a bisserl verlottert, a bisserl düster und schließlich auch morbid (entschuldigens scho), denn ich fand Blutspuren auf dem Lichtschalter und man weiss ja, was man von Blutspuren in Hotelzimmern zu halten hat..... Meine Fantasie fing an zu rotieren, ich fragte Lone, ob vielleicht ein Mord.....??? Ihre Antwort bestätigte das zwar nicht, aber fiel auch nicht grade beruhigend aus, was meinen Sinn für Hygiene angeht. Weshalb dann die erste Nacht in diesem Raucherzimmer nicht meine erholsamste war.
Unser Frühstück wurde uns charmant mit einer Leichenbittermine serviert, als könnten wir froh sein, dass wir überhaupt was bekamen. Herrjeh! Was waren das für Vorzeichen?? Während mir das trockene Brötchen noch in der Kehle klebte, wagte ich einen Blick um mich rum: Da gab es ein paar sehr nett aussehende Menschen, die freundlich lächelten, sodass mir der Kaffee gleich besser schmeckte.
Im Vortragssaal um 11 Uhr saß der Dichter schon auf seinem Platz und die ganze Stimmung war erwartungsvoll. Seine Assistentin Maria Kaluza eröffnete die Veranstaltung mit Wacholderrauch, sodass eine besondere Atmosphäre entstand. Das Gedicht, das sie vortrug war sehr schön und bewegend - ich war froh! Galsan Tschinag ist ein ganz authentischer Mensch. Sein Humor, seine Sprache und seine Art, die Welt zu sehen ist geprägt von großer Menschlichkeit, von Größe, aber auch von Schwäche. Mir gefällt, dass er sich nicht zu einem Guru aufspielt, was er leicht könnte, denn anfällig genug ist sein Publikum! Wer wissen möchte, was Schamanentum ist, der sollte seine Bücher lesen. Er (und Amélie Schenk) beschreibt es auf die einzig richtige Art, ohne esoterischen Firlefanz. Ein Schamane bewegt sich zwischen Himmel und Erde, ist kein Übermensch, sondern eben Mensch mit allen Schwächen und Stärken.
Die Heilkraft Galsan Tschinags liegt meiner Meinung nach in seiner Dichtung, seinen Worten. Diese dringen vor bis ins Herz und lassen erkennen. Mir ging es jedenfalls so.
Am Nachmittag führte er uns ein Orakel vor. Das war amüsant, aber nicht annähernd so beeindruckend wie seine geschriebenen Worte.
Etwas jedoch fiel mir auf, was jetzt nichts mit den Inhalten der Veranstaltung zu tun hat, aber mit deren Verlauf: Wie so oft waren 90% des Publikums Frauen. Dennoch war diese Veranstaltung dermaßen geprägt von männlicher Dominanz. Frau Kaluza bekam keine Chance mehr, sich einzubringen, obwohl das sehr sinnvoll gewesen wäre, da sie für Auflockerung hätte sorgen können. Denn was uns Frauen ja auszeichnet (und das ganz unabhängig davon, ob wir ein Kind geboren haben, oder nicht) ist doch eine gewisse Fürsorge und der Sinn nach Behaglichkeit. Keiner von uns käme es in den Sinn, stundenlange Vorträge zu halten, ohne zwischendurch mal nachzufragen, ob das Publikum noch in der Lage ist, zuzuhören....Der Raum war in kurzer Zeit ohne Sauerstoff, was ziemlich unangenehm war. Ich war am Ende mehr als erschöpft. Dennoch habe ich eine Menge Inspiration bekommen. Vieles was Tschinag gesagt hatte, bestätigte meine eigene Arbeit, auch wenn ich mich mit seinem Frauenbild nicht anfreunden kann, das nomadisch geprägt ist und sich nicht auf unsere "westliche"Welt übertragen lässt. Er erwähnte gar nicht, dass er von einer Schamanin gelernt hat. Er sprach eigentlich nur von Schamanen. Aber Lone meinte dazu: "Er ist ein großartiger Dichter, aber eben auch nur ein Mann."
Schön war es, sich mit Lone über alles austauschen zu können. Ihr Gespür für das, was sich sozusagen "hinter den Kulissen" abspielt, ist einfach unschlagbar. Interessant auch die Menschen, die wir getroffen haben und mit denen sich Gespräche ergaben: eine Flamencotänzerin, eine Astrologin und Berthold, den ich nicht wiedererkannt habe, weil er keinen Vollbart mehr hat!
Was für ein Wochenende!

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