Selbstbestimmt leben - wer es könnte!

Raul Krauthausen fragt aus gegebenem Anlass, was wir unter einem selbstbestimmten Leben verstehen.
Ich beobachte schon lange, dass nur ganz wenige Menschen selbstbestimmt leben, denn sie sind doch eher fremdbestimmt. Fremdbestimmt von Normen und Werten, die Familie oder Umwelt vorschreiben. Allzu oft ist das, was man meint, selbst gewählt zu haben, nur Anpassung, Ergebnis vom Wunsch anerkannt und akzeptiert zu werden. In der Pubertät ist vermeintliche Selbstbestimmung einfach eine Antihaltung. Auch ist man weder mit viel Geld frei und unabhängig noch mit wenig. Genauso schafft Bildung nicht unbedingt mehr Selbstbestimmung. Denn der Mut zum selbstbestimmten Leben ist eine Fähigkeit, die in erster Linie eine starke Persönlichkeit voraussetzt. Unsere Persönlichkeit wächst mit den Jahren und mit all den guten und schlechten Erfahrungen, die wir erleben. Ob sie uns stärker machen oder resignieren lassen, hängt sicherlich davon ab, ob wir eher optimistisch denken und fühlen können, oder im defizitären Erleben hängen bleiben.
Wollten wir, dass es mehr Selbstbestimmung gibt, müssten wir alle unsere Werthaltungen neu überdenken, ändern und eine freiere, vielfältigere, flexiblere Gesellschaft anstreben, in der jeder Einzelne als gleichwertiges Mitglied anerkannt wird, ganz egal, wie sehr er sich unterscheidet.
Zu einem selbstbestimmten Leben gehört für mich natürlich dazu, dass ich wählen darf, wo und mit wem ich leben will. Dieses Recht sollte auch schon Kindern gewährt werden. Menschen mit Behinderung sollten selber entscheiden dürfen, ob sie in einer Wohnung leben oder in einer Einrichtung. Genauso mit Bildungseinrichtungen: wählen dürfen, was man möchte, denn was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.
Jeder Beruf müsste genug Geld einbringen, damit man davon leben kann - gleichgültig, wieviele Stunden jemand fähig ist, zu arbeiten. Ein Grundeinkommen scheint da eine Lösung zu sein, die Frage ist nur, ob wir das mit der momentanen Werthaltung tragen könnten, wo das vorherrschende Bestreben immernoch das ist, den Menschen durch manipulative Handlungen soviel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Denn auch was Werbung angeht, sind wir doch (Hand auf's Herz) selten selbstbestimmt.
Bis Gesetze sich ändern, ganze Gesellschaften eine Kehrtwendung machen, vergehen Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Es lohnt sich dennoch, dafür zu streiten, sich zu engagieren, wie Raul es tut und viele andere auch.
Es lohnt sich, nicht aufzugeben, auch wenn sich wenig zu bewegen scheint. Das, was sich bewegt, ist oft nicht sofort sichtbar, denn es bewegt sich in den Herzen. Selbstbestimmt leben bedeutet nämlich in erster Linie, seinem Herzen zu folgen, ganz egal, was andere davon halten. Zu tun, was getan werden muss. Mutig sein und manchmal auch nicht brav. Dinge trotzdem zu tun, auch wenn das Gesetz dafür noch nicht existiert. Vorleben, was möglich sein könnte. Wir brauchen Vorbilder, Menschen, die heute und jetzt leben und sich einsetzen für eine gerechte Welt.
Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal an den Film "Unter Wasser atmen - das zweite Leben des Dr. Nils Jent" erinnern. In diesem Dokumentarfilm wird vor allem eines deutlich: Wieviel man erreichen kann, wenn man die Normen durchbricht und seinem ureigenen Weg folgt. Nils Jent hat schon vor 36 Jahren Inklusion eingefordert, wo es dieses Wort noch gar nicht gab. Das sollte uns alle ermutigen.

Verantwortung und Unterscheidungskraft - sie gehen Hand in Hand


Heute vor 918 Jahren wurde Hildegard von Bingen geboren. Das möchte ich zum Anlass nehmen, über zwei Themen zu schreiben, die Hildegard wichtig waren:
Die Unterscheidungskraft und die Verantwortung.

Die Informationsflut, der wir heutzutage ausgesetzt sind, ist so enorm, dass es eigentlich nicht möglich ist, sich über die verschiedensten Themen wirklich eine Meinung zu bilden. Das hört sich widersprüchlich an, aber aufgrund von zu viel Information aus zu vielen Quellen, schafft es unser Geist kaum noch, etwas Sinnvolles zu filtern, geschweige denn, damit in eine gesunde Resonanz zu kommen. Ich beobachte (manchmal auch bei mir selbst), dass man sich oft einfach nur einer Meinung, die einem gerade sinnvoll erscheint, anschließt. Man bläst ins selbe Horn wie diejenigen, mit denen man sich einigermaßen verbündet fühlt.

Was ist gut, was ist schlecht?
Wie kann ich unterscheiden?
Ich soll, heißt es in gewissen Kreisen, nicht urteilen.
Muss ich nicht Haltung zeigen?

Der Mensch, so Hildegard, wurde von Gott ausgewählt, die Verantwortung für diese Erde, also für unsere Lebenswelt zu tragen. "Machet euch die Erde untertan" übersetzt Hildegard mit: "Tragt die Verantwortung für diese Schöpfung. Dafür gebe ich euch den freien Willen und die Unterscheidungskraft, sowie Intelligenz und Vernunft."
Verantwortung und Unterscheidungskraft sind eng miteinander verbunden, sie bedingen einander. Ich kann nicht verantwortlich handeln, wenn ich nicht unterscheiden kann, was gut ist und was schlecht. Und dennoch ist die Unterscheidungskraft viel viel mehr, als nur schwarzweiss sehen. Denn was für den Einen gut sein kann, ist für den Anderen schlecht.
Deshalb funktionieren pauschale Lösungen nie wirklich. Menschen sind verschieden und wir müssen uns tatsächlich immer wieder von Fall zu Fall, von Mensch zu Mensch neu entscheiden, müssen lernen zu unterscheiden, ohne in stereotypische Haltungen und Meinungen zu verfallen.
Wie geht das?
Es führt nichts, aber auch gar nichts an der Begegnung von Mensch zu Mensch vorbei. Vergesst Facebook, Twitter, Social Media - sie ersetzen euch nicht die echte menschliche Beziehung. Denn nur im Zwischenmenschlichen, wo sich zwei Menschen in die Augen sehen, geschieht das, wonach wir uns alle zutiefst sehnen: Resonanz, Verbundenheit.
Ich sehe immer wieder rührselige Videos und Geschichtchen im Internet, was fleißig weitergeleitet wird, weil es ach so berührt hat. Lasst euch von dieser Art künstlich hergestellter Gefühle nicht täuschen. Sie sind nur billiger Ersatz für eure Sehnsucht nach echten Erlebnissen, nach Nähe, nach Liebe, nach Mitgefühl.
Wir dürfen nicht verlernen, uns wahrhaft zu begegnen, uns echt zu berühren, deine Hand in meiner, dein Blick in meinem. Nur dann lernen wir einander verstehen, lernen zu unterscheiden, empfinden wir Verantwortung für uns selbst und den Anderen, der Teil ist dieser Schöpfung, dieser Welt.

Ich trage keinen großen Namen


Momentan fühle ich mich wie ein lebendes Fragezeichen. Wo man hinschaut, wenn man hinschaut, sind Potenziale, Ressourcen, Möglichkeiten, und dennoch werden sie nicht genutzt. Brachliegende Kraftquellen, die untergehen im Wust von Angst und Hysterie.
Was zu tun wäre, um junge Menschen oder überhaupt Menschen den Sinn und Wert ihres Daseins erfahren zu lassen, darüber sind sich Künstler und Psychologen einig. Ihre Angebote sind allerdings selten marktschreierisch und nicht mit sofortiger Wirkung. Es braucht Zeit, Geduld und Vertrauen. Alles das, was weder in Politik noch Wirtschaft genug vorhanden ist.
Ich kenne einige Künstler (einschließlich mich selbst), die für wenig Geld (ja, manchmal nicht mal den Lebensunterhalt deckend) mit ihrer Arbeit enorm viel bewirken. Vor etlichen Jahren arbeitete ich nur zweimal an einem Vormittag mit jugendlichen Schülern, die wirklich problematisch waren, weil sie wenig Zukunft sehen konnten. Wir erforschten gemeinsam die Körpersprache, beschäftigten uns mit Breakdance und was es bedeutet, wenn man sich in die Augen sieht. Nur diese zwei Vormittage veränderten die Wahrnehmung der Klasse zum Positiven - für eine nachhaltige Wirkung hätte es aber eine kontinuierliche Arbeit gebraucht.
Nach Winnenden bot ich damals meine Arbeit an, wurde abgelehnt, da man nach einem Schauspieler suchte, der einen Namen hatte und mit Schülern ein Stück einstudieren würde. Nur dann würden Gelder dafür locker gemacht. Wichtig ist dann auch, dass man schnell ein Ergebnis sieht. Spender wollen sehen, wo ihr Geld bleibt. Auf diese Weise bleibt aber ein großer Teil der Potenziale auf der Strecke.
Meine Freundin, die Clownin, meine Freundin, die Malerin und ich: wir arbeiten mit viel Optimismus und Engagement weiter. Doch da wir keinen großen Namen tragen, bleibt unsere Arbeit oft eine Perle im Heuhaufen.
Es gibt ein paar wenige Menschen mit großem Namen, die ihre Popularität zur Verfügung stellen, um denen, die weniger berühmt sind ein Feld zu bieten, ihre wertvolle Arbeit zu streuen. Diese Menschen, die gewohnt sind, selbst im Mittelpunkt zu stehen, lenken nun den Scheinwerfer auf andere. Weniger egozentrisch zu handeln und sich mehr für die Sache einsetzen, herauszufinden, was man selbst zu geben hat und wie wir zusammen mehr erreichen können, darum geht es jetzt in dieser unserer Zeit mehr als je zuvor.

Meine schmerzhaften Grenzen


Manchmal geht es einfach nicht. Obwohl ich mich seit vielen Jahren mit Kommunikation beschäftige und von mir denke, dass ich auf die unterschiedlichsten Menschen eingehen kann, offen bin, Toleranz als etwas Selbstverständliches sehe, scheitere ich bei manchen Begegnungen kläglich. Jetzt könnte man meinen, das sind möglicherweise Menschen, die extreme Meinungen vertreten, aber das ist es nicht. Es gibt einfach hin und wieder Menschen, mit denen ich aus unerfindlichen Gründen keine gemeinsame Sprache finde - obwohl wir doch dieselbe Sprache sprechen.
In nahen Beziehungen kommen ja auch oft Auseinandersetzungen vor, die sich als Herausforderung stellen, weil man plötzlich denkt, den Menschen, den man liebt, gar nicht mehr zu kennen. Aber in diesen Fällen gibt es (zumindest bei mir) immer ein Happy End, denn Liebe verbindet auch die größten Unterschiede.
Nur kann man ja nicht jeden Menschen lieben. Man kann vielleicht eine Liebe für die Menschen allgemein haben, aber im Einzelnen wird es mitunter schwierig. Ich möchte eigentlich Harmonie, möchte verstanden werden, einfach angenommen werden und verhalte mich zickig oder unnötig bockig, wenn ich mich vom Gegenüber nicht angenommen fühle. Dabei will vermutlich der Andere auch nichts weiter, als Verständnis und Angenommensein. Ich müsste ihm also nur entgegen kommen. Aber es will mir einfach nicht gelingen. 
Woran liegt es? Ich grüble. Es hat vermutlich überhaupt nichts mit der Person des Gegenübers zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit etwas, das er bei mir triggert und in mir eine tiefe Unsicherheit auslöst. Fühle ich mich bedroht? Von was? Es nützt mir nichts, weiter in Widerstand mit diesem Menschen zu gehen, ich muss bei mir selbst schauen. Erkennen, dass der Dämon in mir sitzt und eigentlich müsste ich dann diesen Dämon sanft in die Arme nehmen und ihm sagen, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben. Doch so weit bin ich noch nicht. Aber ich arbeite dran.

Literiki - lass dich wecken mit Geschichten



Seit ich auf dem Land wohne, stehe ich mit den Hühnern auf. Ich brauche seit Jahren keinen Wecker mehr, da ich von selbst aufwache. So ist mir Literiki entgangen, die App zum Aufwachen mit heiteren Geschichten für einen positiven Start in den Tag.
Wer noch nicht weiß, was Apps sind: Kleine Programme für das IPhone oder Smartphone. Inzwischen gibt es das auch bei Windows für den normalen PC. Apps sind unterhaltsam, praktisch, manche schon nicht mehr wegzudenken. Man kann Radio hören, Texte schreiben, navigiert werden, Rezeptbücher erstellen, Notizbücher anlegen, Wetter abrufen, Räume ausmessen... und und und.
Natürlich gibt es auch Apps, die Wecker sind. Aber Literiki ist die einzige, die mit Geschichten weckt.
Viele unterschiedliche Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum sind mit ihren Kurzgeschichten vertreten. Eine Episode darf nicht länger als 3 Minuten dauern, was schon eine kleine Herausforderung ist, denn es soll ja nicht nur ein Ausschnitt sein.
Als ich gefragt wurde, ob ich den morgendlichen Geschichten meine Stimme leihen wolle, habe ich erfreut zugesagt. Nun wird man mich ab September hören und hoffentlich angenehm von mir geweckt werden.

Die Kraft der gesprochenen Worte


Dieser Tage erreichte mich eine Nachricht aus USA, betreffend meines Podcasts "Wortmagie", auf dem ich einige mir sehr wertvolle Texte selbst spreche. Der Schreiber postete mir ein Bild von Himmler mit der Frage, was denn an der deutschen Sprache so magisch wäre.
 
Was soll man so einem Menschen antworten? Am besten nichts.
Ich möchte aber gern an dieser Stelle ein paar meiner deutschsprachigen LieblingsdichterInnen nennen, deren Worte für mich, besonders wenn sie laut gesprochen werden, eine magische Kraft der Liebe für das Leben und für den Frieden freisetzen. Die Reihenfolge ist intuitiv:

Ingeborg Bachmann
Hilde Domin
Gertrud Kolmar
Selma Meerbaum-Eisinger
Bertold Brecht
Erich Kästner
Rainer Maria Rilke
Nelly Sachs
Dietrich Bonhoeffer
Gottfried Benn
Else Lasker-Schüler
Ulla Hahn

... um nur einige zu nennen. Sie alle waren und sind "Dichter in der Welt" - wie Ulla Hahn es so treffend ausdrückt. Denn wer seine Worte verdichtet, sie auf das Wesentliche komprimiert, der ist tatsächlich näher in und an der Welt.

Am 7. Mai werde ich wieder einen Workshop geben, in dem es um die Magie der Worte geht und wie man aus sich selbst heraus zu den eigenen Worten der Kraft findet.
Worte haben eine besondere Kraft. Wir spüren das in Gebeten, Mantren und Liedern. Auch Dichter und Dichterinnen wissen um diese Kraft des gesprochenen Wortes. Auf der Suche nach der Sprache der Seele wird immer klarer, dass das Wort nicht nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben ist. Das gesprochene Wort ist lebendig wie Musik und bewegt uns. In meiner Arbeit möchte ich die ganzheitliche Wirkung von Worten und Sprache vermitteln, denn Sprache, Stimme und Körper haben einen gemeinsamen Rhythmus. Anhand von Gedichten erfahren wir die Sinnhaftigkeit der Sprache und Worte mit allen Sinnen. Atem-, Körper- und Stimmarbeit helfen uns dabei. So fällt es uns leichter, dem gesprochenen Wort Ausdruck und Tiefe zu verleihen. 
Sa, 07.05. 10 - 17 Uhr in Offenburg, Anmeldung und Info: www.eeb-ortenau.de


Das Leben bedingungslos lieben lernen


Ich bin Pfarrerstochter und schon früh mit dem "Geopferten Lamm Gottes" in Berührung gekommen. Wegen meiner unüblichen Auffassung von Gott und Jesus, kam ich im Religionsunterricht mit meinen Lehrern immer mal wieder in Konflikt. Bis heute übersetze ich "Gott", "Herr" und "Vater". mit "Liebe", weil für mich Gott eben Liebe ist und sonst nichts. Die einzige "Sünde", die es gibt, ist meiner Meinung nach, nicht genug in der Liebe zu sein. Immer in der Liebe zu sein kann uns leider nicht gelingen, wir sind ja nicht Jesus. Zwar versuche ich anzustreben, meinen Nächsten wie mich selbst zu lieben, aber es scheitert ja schon an der Selbstliebe! Man muss sich selbst verzeihen können und als Mensch in seiner Unvollkommenheit annehmen lernen.
"Erlösung" erfahren wir Menschen durch Christus, der über den Tod hinaus Liebe aussendete und auch die Kraft der bedingungslosen Liebe diejenigen spüren ließ, die ihn fanden: Maria Magdalena zum Beispiel. Dass Gott in Jesus Mensch wurde, betrifft also nicht Jesus allein. Maria und Maria Magdalena tragen ebenso die Christusenergie in sich.
Die ganze Christusgeschichte geht ohne Judas nicht auf. Ohne den Verräter hätte sich die Geschichte  nicht vermitteln können. Es ist wie in einem großen Drama, jeder der Protagonisten hat seine Berechtigung und ist wichtig für die Botschaft. Die Christusgeschichte ist für mich zutiefst mystisch. Jesus hat sich nicht geopfert, und wurde nicht geopfert, er hat sich hingegeben. "Ich bin die Auferstehung und das Leben" bedeutet,  das Leben so sehr lieben lernen, dass wir immer wieder neu aufstehen und uns durch nichts Angst machen lassen.
"Erlöst" werde ich also, indem ich in die  Liebe vertraue, und darauf, dass ich so wie ich bin richtig bin, solange ich nur weiss, dass der einzig erstrebenswerte Sinn meines Daseins darin liegt, zu lieben und Liebe empfangen zu können. Das Symbol dafür finde ich persönlich nicht im Kreuz, vielmehr ist es für mich eine Spirale - einer endlosen Umarmung gleich, die mich trägt.

Mitgefühl - eine Frage der Selbstannahme?


Seit einiger Zeit möchte ich über dieses Thema schreiben, doch wollte es nicht so recht gelingen. Meine Tastatur, mein Bildschirm - sie schienen dieses komplexe Thema nicht annehmen zu wollen, oder etwas in mir spürte, dass ich dazu von Hand schreiben muss. Es wird etwas länger, als üblich, ich hoffe, ihr bleibt dran.
 
Ich beginne bei einer Szene sehr früh in meiner Kindheit. Etwa drei Jahre alt muss ich gewesen sein. Was davor oder danach war, erinnere ich nicht mehr, aber dass ich auf einer nassen Wiese stand, ist mir deutlich vor Augen. Um mich herum im Kreis etwa fünf Kinder, alle älter und größer als ich.
Sie schubsten mich ins feuchte Gras und lachten dabei laut. Ich stand auf und sie schubsten mich abermals. Wieder stand ich auf, doch noch nicht mal ganz auf den Beinen, wurde ich erneut auf den Boden zurückgeworfen. Das höhnische Gelächter hallte in meinen Ohren. Mein Po war nass und tat weh. Ich war sehr wütend. Wieder und wieder versuchte ich aufzustehen und wegzulaufen, doch jedesmal wurde ich umgeworfen. Meine Wut wandelte sich in schiere Verzweiflung, in hoffnungslose Ohnmacht, der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzulösen und Tränen rannen über mein Gesicht. Die Kinder lachten, als wären sie in einem Buster Keaton Film. Es schien endlos so weiterzugehen. Wann es aufhörte, weiß ich nicht mehr. Geblieben ist jedoch die Erinnerung an den kalten, nassen, schmerzenden Po, verbunden mit einer unaussprechlichen Ohnmacht, die sich über Geist und Seele gelegt hatte, wie ein schwerer Teppich. Ein Gefühl, das bis heute jederzeit abrufbar ist.
...und dennoch...
Einige Jahre später gab es eine ganz andere Szene. Vom Land in die Stadt gezogen, spielten wir Kinder nicht mehr im Garten, sondern in einem Hinterhof. Unter den Nachbarskindern gab es einen Jungen mit Downsyndrom. Weder kannten wir dieses Wort, noch wussten wir, was das war. Wir bemerkten nur, dass Norman anders war. Es belustigte uns, dass seine Mutter ihm immernoch Strampelhosen anzog, obwohl er sechs Jahre alt war. Er war so alt wie wir und benahm sich aus unserer Sicht "bescheuert". Norman wollte immer mitspielen, aber ich fand, dass er ein Spielverderber war, weil er keine Spielregel verstand. Manchmal heulte oder schrie er grundlos und irgendwann gab ich ihm eine schallende Ohrfeige und sagte: Mit dir spielen wir nicht!
Im selben Moment wurde mir klar, dass ich etwas ganz Schlimmes getan hatte, was absolut nicht in Ordnung war. Mir wurde schrecklich heiss. Norman rannte heulend weg mit den Worten: Das sag ich meiner Mama!
Scham überflutete mich, ich wollte nur noch unsichtbar sein und stolperte in das 5-stöckige Mietshaus, rannte die Treppen hoch bis zum Speicher, wo ich mich in einer dunklen Ecke versteckte. Im Treppenhaus hörte ich die Mutter von Norman bei uns klingeln. Sie erzählte meiner Mutter, was ich getan hatte und mir wurde schlecht. Meine Mutter stellte mich später zur Rede: Hast du das wirklich getan? Ich antwortete: Nein, das war ich nicht.
 
Nun bin ich Schauspielerin geworden und dieser Beruf lebt davon, sich einfühlen zu können. Wenn mir jemand sagt: "Sowas kann man sich nicht vorstellen, wenn man es selbst nicht erlebt hat.", halte ich das stets für eine Verweigerung, sich auf Mitgefühl einzulassen, bzw. seinem Gegenüber Mitgefühl zuzugestehen. Für Mitgefühl bedarf es ein hohes Maß an Eigenreflektion, an Selbstakzeptanz, an Selbstliebe, sowie die Fähigkeit, erfahrene Emotionen wiederzubeleben. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist eine große Aufgabe, weil wir uns anschauen müssen in unserer ganzen Unvollkommenheit, mit all unserer Angst und unseren Schatten. Mich dem Mitgefühl, also auch der Selbstliebe zu verweigern, führt mich direkt in eine Täterrolle, in eine Übergriffigkeit. Sie gaukelt mir vor, stark zu sein, vertuscht, dass ich nicht die Größe habe, mich meinen eigenen Schwächen und Ängsten zu stellen und erspart mir den Frust, den eine Opferrolle mit sich bringen könnte.
Mein Beruf fordert mich täglich heraus, mich meiner Intoleranz zu stellen. Mein Machtanspruch, der genauso geltungssüchtig ist, wie meine Liebe und Hilfsbereitschaft es nicht sind. Ich bin beides. Ich versuche beide Seiten in mir zu verstehen und anzunehmen. Der Schauspielerberuf braucht geradezu diese Gabe. Nur dann bin ich fähig ein Opfer wie einen Täter zu spielen, zu sein.
In der Schauspielarbeit gibt es keine guten und schlechten Rollen. Wir brauchen diese unterschiedlichen Charaktere, damit das Stück gespielt werden kann. Dazu muss ich meine Rolle ständig befragen, um zu verstehen.
Und so ist es mit dem Mitgefühl. Um zu verstehen, muss ich fragen und mich dabei meiner eigenen Gefühlswelt öffnen, sie ansehen und nachforschen. Was sind meine wahren Beweggründe für mein Fühlen und Handeln? Wir brauchen eine tiefe Verbundenheit zu uns selbst, ohne uns dabei für den Nabel des Universums zu halten. Nur zu fordern, dass der andere mich verstehen muss, genügt nicht. Ich muss auch den anderen verstehen lernen, so unmöglich das scheint. Doch mein eigener Schatten hilft mir dabei. In diesem Sinne wünsche ich mir für uns alle im Umgang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen mehr Mut zum SELBST - BEWUSSTSEIN.

Lissabon - zwischen Glück und Melancholie


Einen fremden Ort kennenzulernen, ist im Grunde ähnlich, wie einen Menschen kennenlernen. Um wirklich den Ort zu erfassen, braucht es Jahre. Als ich letztes Jahr für zwei Tage in Lissabon war, nahm ich mir vor, zurückzukehren, um dieser Stadt ein wenig näher zu kommen.
Nun waren wir dort, Lone und ich, eine knappe Woche. Mit Lone zu reisen ist natürlich doppelt spannend. Die Eindrücke sind tief, am Ende waren wir ziemlich erschöpft und das kam nicht nur vom kilometerlangen Gehen über alle Höhen und Tiefen, die diese Stadt im wahrsten Sinne des Wortes bietet. Hier gibt es so viele Gegensätze. Wirkt die Stadt erst freundlich, hell und strahlend, kann sie dich, um die nächste Ecke gebogen, schon morbid, düster und grimmig anmuffeln. Doch das dauert nicht lange. Viel zu farbig und lichtvoll ist es und überall locken wundervolle Aussichtspunkte, die Lissabon  im Ganzen zeigen, mit aller Farbigkeit und Vielfalt. Es gibt hochmoderne Gebäudekomplexe, die mit teuren Geschäften locken, für die es jedoch kaum Kunden zu geben scheint, dann wieder abgeblätterte, alte, nahezu verfallene Häuser mit winzigen kleinen Läden und Pastelerias (ich sag nur: Kuchen, Kuchen, Kuchen!). Hier findet das Leben statt, hier trinkt man Kaffee, plaudert und zieht weiter.
Wunderschön die Azulejos, die bunten Keramikfliesen an den Häuserfassaden, die das Licht so glitzernd und betörend reflektieren. Und jeden Tag strahlender Sonnenschein - wir hatten so ein Glück.
Es gab nur einen wirklich dunklen Moment: Beim Betreten einer Kirche spürten wir unabhängig voneinander ein ungutes Gefühl. Es war eine schlimme Beklemmung, ähnlich der wie ich sie hatte, als ich in Dachau das KZ besucht hatte. Es lag nicht daran, dass diese Kirche keinen Prunk bietet und bewusst nicht renoviert ist. Wir spürten, dass etwas sehr Düsteres und Unheimliches in ihrer Geschichte liegt. Erst später habe ich herausgefunden, dass dort die Inquisitionsurteile gefällt wurden und schlimmste Verbrechen begangen wurden. Wir hatten danach keine große Lust mehr, Kirchen zu besichtigen, obwohl es sehr prächtige davon in Lissabon geben muss.
Doch wenn man das einzigartige Licht dieser Stadt spürt, möchte man sowieso nur draußen sein und genießen. Die Menschen sind von ausgesprochener Freundlichkeit und Höflichkeit, auch wenn es vielen nicht so gut zu gehen scheint. Viele Obdachlose und Bettler humpeln durch die Gassen oder sitzen vor den Kirchen.
So pendelt man gefühlsmäßig zwischen Glück und Melancholie.
 

Den besten Schokoladenkuchen der Welt mit dem besten Mangoeis aller Zeiten haben wir im Mercado da Ribeira bekommen. Dazu einen starken Espresso, ölig und schwarz mit viel Zucker. Das war Glück pur. Lissabon - man müsste ein Jahr dort verbringen.

füreinander verschieden



Das neue Programmheft der Evangelischen Erwachsenenbildung Ortenau, kurz EEB, ist nun erschienen unter der Themenüberschrift "füreinander verschieden - verschieden füreinander". Mein Kurs am 7. Mai  beschäftigt sich mit der "Kraft der gesprochenen Worte". Worte sind eben nicht nur einfach Information, sondern haben auch tiefgreifende Bedeutung für unser ganzes Seelenleben. Nicht umsonst heißt es oft: Die Worte haben mich getroffen. Für mich sind die Worte "füreinander verschieden" besonders eindrücklich, weil soviel damit gesagt ist und sie mich im Inneren fühlen lassen, dass wir nur dann füreinander wirklich da sein können, wenn wir unsere Verschiedenheit wertschätzen, sie als Ressource begreifen und uns in einem wahrhaftigen Miteinander austauschen.

Wie wir in diesen Tagen vermehrt erleben, wird Miteinander oft falsch verstanden. Nicht die Gruppierung von Gleichdenkenden, die sich gegenseitig aufputschen und sich im künstlichen Selbstbewusstsein baden, ist damit gemeint. Es geht um ein aktives Zuhören, um Einfühlungsvermögen und den lebendigen Austausch verschiedener Meinungen und Lebensweisen. 
Das miteinander Sprechen ist wichtiger denn je, jedoch bringt es wenig, wenn man dazu Menschen einlädt, die nur eine Plattform für Propaganda und Polemik suchen, und nicht an einem echten Austausch interessiert sind. So meine ich auch nicht mit der Kraft der gesprochenen Worte, die Macht der Polemik und Manipulation, sondern, die Wahrhaftigkeit der Worte, die aus der Seele kommen. In meinem Kurs versuche ich auch den Unterschied zwischen Manipulation und Wahrhaftigkeit aufzuzeigen.

Was mich aber ganz besonders freut ist, dass die EEB am 9.06.2016 den Film „Unter Wasser atmen- daszweite Leben des Dr. Nils Jent“ in Offenburg zeigt. Dieser mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm war in den Schweizer Kinos 2012 zu sehen und ich bin seit einiger Zeit damit beschäftigt, ihn nun auch in Deutschland bekannt zu machen. Im Film wird das Thema Inklusion, und wie Inklusion gelingen kann, anschaulich und teilweise sehr bewegend verdeutlicht. Zuletzt haben Nils Jent und ich im November in Berlin auf dem internationalen Kongress der Heilpädagogen gemeinsam einen Vortrag gehalten und sind auf Fragen und Diskussionspunkte der Zuschauer (die am Abend vorher den Film gesehen hatten) eingegangen.
Die vielen positiven Feedbacks haben uns ermutigt, eine solche Veranstaltung zu wiederholen. Das Thema ist nicht nur im Hinblick auf Menschen mit Behinderung wichtig, sondern genauso für uns im Umgang mit den Migranten. Das Miteinander leben – wo ist das nicht gefragt?
Es ist mir deshalb eine große Freude, dass Pfarrerin Claudia Roloff, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung in Offenburg, sich mit enormem Engagement und Organisationstalent dafür einsetzte, dass einerseits am 9.06. der Film gezeigt wird und am 10.06. Nils Jent und ich mit unserem Vortrag „Im Miteinander stark – der Weg zur Inklusion“ mit dem Publikum in Austausch kommen können.
Man kann beide Veranstaltungen auch unabhängig voneinander besuchen. Es würde uns sehr freuen, wenn der hohe Aufwand unserer Organisation mit viel Publikum belohnt würde. Also schonmal vormerken! Das Programmheft kann man kostenlos übers Internet bestellen, es lohnt sich, weil es nicht nur ausgesprochen informativ ist, sondern auch mit vielen Extras wie z. B. kleinen Texten zu den jeweiligen Themen, sowie Literaturtipps bestückt ist.

Mach was draus!


Regelmäßig ausmisten, Überflüssiges wegschaffen, das wird vor allem dann nötig, wenn sich Dinge ansammeln, die weiss Gott nicht mehr verwendbar sind, wie zum Beispiel Disketten. Oder etwa doch nicht? Ich fand ein paar farbige ohne Etikett zu schade zum Wegwerfen. Da lagen sie also auf meinem Schreibtisch, schön bunt. Ich spielte damit rum und fand raus, dass man ja in die Metallklemme der Diskette etwas anheften kann. Leider bin ich basteltechnisch nicht sehr begabt, es fehlt mir die Geduld für den Kleinkram. Kleben wird bei mir immer zum Desaster. Also verwarf ich meine erste Idee, die Disketten auf eine Sperrholzplatte zu kleben, um sie als eine Art Pinwand zu verwenden. In der Schublade fand ich aber noch einige Aktenklemmen. Wenn man diese an die Diskette klemmt und dann die Hebel wegbiegt, hat man einerseits einen Ständer für die Diskette und zweitens eine weitere Klemme um Postkarten oder Notizen zu befestigen. Als einzelne sind die Disketten zum Beispiel als Tischkartenständer zu verwenden oder Namensschilder, in eine Reihe geklemmt als "Steckboard" um Postkarten, Briefe u. a. aufzubewahren.
Alles ohne kleben, was heisst, wenn man es nicht mehr braucht, kann es wieder auseinandergenommen werden.
Man nennt sowas "upcyclen".
 

Komplimente, die keine sind

"Für dein Alter(!) siehst du aber(!) noch(!) ganz(!) gut aus!" Das sind genau vier Worte zuviel, um ein Kompliment zu sein. Au Backe! Leute, so tretet ihr garantiert ins triefende Fettnäpfchen. Gut aussehen hat absolut gar nichts mit dem Alter zu tun. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen: Auch echte Schönheit ist völlig vom Alter unabhängig.
Und da bin ich auch schon wieder beim Thema Haare. Ich bekomme nämlich solche "Komplimente" seit ich silberne (nein, sie sind nicht grau!) Haare habe. Es gibt Menschen, die sehen mir nicht in die Augen, die schauen immer auf meine Haare. Und manche finden, es sei "mutig", sie nicht zu färben!
Raúl Krauthausen, ein Aktivist mit einer Behinderung, schreibt in seinem Blog: "Die Behinderung wird uns unser Leben lang begleiten, also stehen wir besser zu ihr! Sie gehört zu uns, wie unsere Haarfarbe."
Ich stehe zu meiner Haarfarbe, die sich im Laufe der Jahre von tief schwarz zu Aluminiumsilber entwickelt hat und jetzt so facettenreich ist, wie meine gesamte Persönlichkeit. Mal wirke ich platinblond, mal gibt es rötliche Schimmer, goldene, ja sogar bläuliche, je nach Lichteinfluss. Doch seltsamerweise können die meisten Menschen diesen "Mehrwert" nicht sehen. Sie sehen grau und assoziieren damit ein Defizit, nämlich Alter und damit Vergänglichkeit und damit Tod und das ist eben nicht schön.
Insofern kann ich da tatsächlich eine Verbindung zu Behinderung sehen. Auch da erkennen die meisten Menschen nicht, dass viele Behinderungen auch einen "Mehrwert" haben. Behinderungen sind nur in eine Richtung gesehen ein Defizit. Wenn man sich die Mühe gibt, weitsichtiger, d.h. mehrperspektivischer (ups: eine neue Wortschöpfung!) zu sehen, dann ergibt sich der Mehrwert.
Behinderte Menschen sind deswegen nicht "trotz" Behinderung z. B. Aktivisten, sondern gerade deswegen.
So. Ich bin nicht trotz meiner Silberhaare und meines Alters gut aussehend, sondern gerade deswegen. :-) Erst neulich blieb eine Frau auf der Straße vor mir stehen, sah mich mit runden Augen an und fragte: Sind die echt? Ich war etwas irritiert, fragte: Meinen Sie meine Haarfarbe? Sie nickte. Ich nickte. Wunderschön sagte sie und ging weiter.