Louisiana - immer wieder eine Inspiration


Die Tage hier in Dänemark sind voller Wunder und Intensität. Während ich hier schreibe, sehe ich auf den kleinen Hafen mit alten und neuen Booten, die kleine Fähre, die nach Bogø und die Insel Møn fährt... 

Gestern fuhren wir in den Norden von Seeland und besuchten das berühmte Museum Louisiana. Es gab dort eine Ausstellung von Peter Doig, den ich bisher noch nicht kannte. Es ist eigentlich nicht zu beschreiben, wie ausdrucksstark seine Bilder  sind. Ich spürte sofort eine ungeheure   Energie und Kraft. Noch nie haben mich Malereien so fasziniert und gefangen genommen. Diese Bilder sind in ihrer Ausstrahlung ganz besonders, sodass es fast schwerfällt, zum nächsten zu gehen, nur um dann festzustellen, dass es ein weiteres faszinierendes Bild ist. 
Louisiana ist insgesamt ein Ort, der inspiriert und einlädt, den ganzen Tag dort zu verbringen. Am Meer gelegen und mit einzigartiger Aussicht, bietet es eine grandiose Hintergrundkulisse für all die Skulpturen im Aussenbereich, zusammen mit der Landart. Es gibt zudem ein Restaurant mit köstlichem Essen, sowie einen tollen Museumsshop. Auf den Wiesen, die zum Museumsgelände gehören, darf man sitzen und picknicken. Kunst ist hier etwas lebendiges, nichts abgehobenes, etwas, das wir geniessen und mit allen Sinnen erleben dürfen.

Ab wann ist man alt?

"Man ist immer nur so alt, wie man aussieht", sage ich oft, und dazu nickt dann mein Gegenüber, bis bemerkt wird, was ich eigentlich gesagt habe, worauf es dann ein lautes Gelächter gibt.
Man kann sich ja noch jung fühlen, Tatsache aber ist, dass es "mit 80 deutlich nachlässt", sagt meine 85jährige Freundin B. Sich damit abzufinden, dass die junge Seele in einem alten Körper steckt, das scheint eine Herausforderung zu sein, der die wenigsten Menschen gewachsen sind. Junge Menschen wissen nicht, wie es ist, alt zu sein, denn sie waren es noch nie, wohingegen Alte sehr gut wissen, wie es ist jung zu sein - nur haben es die meisten anscheinend vergessen. Denn wie ließe es sich sonst erklären, dass sie die Jungen genau so behandeln, wie sie einst von den Alten behandelt wurden, und es nicht mochten, sich schworen, es niemals so zu tun: sich schulmeisterlich aufspielen, alles besser wissen, sich einmischen, die Kontrolle nicht abgeben wollen, nur das Beste wollen - und das Beste ist immer das, was sie selbst für gut halten. Alt ist man also genau dann, wenn man vergessen hat, wie es war, als man jung war.

Die wunderbaren Gartenstühle

Und hier sind sie: die wunderbaren Gartenstühle. Ich mag Gebrauchtes, denn es hat ein Leben in sich. Ich mag allerdings keinen versifften Krempel, das hat meist eine ungute Energie.

Im kühlen Norden

Kann es sein, dass man irgendwann in den Sommerferien nach Norden fährt, weil es bei uns einfach zu heiss ist? Und dass wir dann unter "gutem Wetter" Wind und Regen verstehen? Ich bin jetzt wieder mal in Dänemark und sehr froh um die angenehmen 18 bis 22 Grad, die Frische, dem Wechsel zwischen Regen und Sonne, die kräftige Brise Wind.
Lones kleines Haus am Hafen wird immer schöner. Ich weiss jetzt, wo man die schönsten gebrauchten Designermöbel bekommt, Gartenstühle von Corbusier z. B., so günstig wie welche von Ikea! Statt selber aufbauen, heisst es eben dann, selber restaurieren, was aber nicht oft nötig ist, da die Sachen sehr gut erhalten sind. Wohl all denen, die was "gscheites glernt" haben, was in meinen Augen die Handwerker sind. Schreiner, Zimmermann, Maler, Elektriker, Gärtner. Leute, lasst eure Kinder wieder Handwerker sein, studieren können sie immer.

Mahalo Tomas Belsky!

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Heute, am 4. Juli, hat unser Freund aus Hawaii, Tomas Belsky Autor von "Brasilien mit Hanf und Herz" Geburtstag. Seit wir ihn vor zwei Jahren in Hilo, Big Island, Hawaii, zum ersten Mal getroffen hatten, ist er für Lone und mich jemand, der unsere Reise und unseren Aufenthalt in Big Island so geprägt hat, dass wir uns für immer sowohl mit der Insel als auch mit Belsky tief verbunden fühlen werden. Tomas ist ein Mensch, der auf subtile Weise den sogenannten "Aloha-Spirit" verkörpert. Mit subtil meine ich, er ist Hawaiianer, ohne dort geboren worden zu sein, er ist es mit seiner Seele und seinem Geist, mit seiner Kunst und seinem Schreiben.
Einmal mehr beweist er das mit seinem neusten Buch über den legendären "Uncle Luther", Luther Kahekili Makekau, ein Buch, das Belsky zusammen mit seiner Frau Moanike´ala Akaka geschrieben hat. Es sind Erinnerungen und Anekdoten, Gedanken, Gedichte, zu einem Mann, der offenbar faszinierte, obwohl er ein Raufbold, ein Lügner, ein Weiberheld und ein Betrüger war. Dennoch blieb er als ein Mensch mit großem Herzen in Erinnerung.
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by Kind permission of Tomas Belsky
Im Zwiespalt des kulturellen Aufeinanderprallens westlicher und polynesischer Kultur, beschreibt Belsky einen Menschen, der einerseits dem Alkohl verfallen in Abgründen strauchelt, andererseits voller Vitalität und Witz dem Leben begegnet und es ganz und gar auskostet.
Faszinierend an dem Buch empfinde ich Belskys Art und Weise, Geschichten zu erzählen. Er versteht es, in Worten genauso bildhaft zu sein, wie in den vielen Illustrationen, die voller Lebendigkeit, Humor und Feinsinn dem Buch seine ganz besondere Note geben.
War Uncle Luther eine Art Vorbild für Belsky? Manchmal scheint es so. Doch wäre dieser Cowboy, Schurke und Gesetzesbrecher, der von sich selbst behauptete, die Damen würden viel vermissen, wenn er, Luther, mal nicht mehr könnte, wäre dieser "Saint Lucifer", wie Belsky ihn nennt, fähig gewesen, eine solch liebevolle, ironisch-heitere, abgründig- tiefsinnige Hommage zu halten, wie Tomas es hier für ihn tut?


Ich bezweifle es. So ist dieses Buch für mich weniger ein Buch, das mich Uncle Luther verstehen lässt, als vielmehr eines, das mich dem tiefmenschlichen Wesen Belskys näher bringt und seiner Kunst, hinter die Fassade zu blicken.

Mahalo, Tomas, and happy birthday to you and Moanike!

Größer, mehr, mehr und mehr - ist das besser?



Man mag auf anderen Blogs über das Weltgeschehen diskutieren, ich wende mich den Ereignissen meiner nahen Umgebung zu, und stelle fest: es ist im Kleinen, wie im Großen, wie oben so unten...
 
Als wir vor Jahren hierher nach Oberschwaben zogen, war ich ganz begeistert vom nahegelegenen Bauerngarten. Dort kann man Gemüse selbst ernten. Eine tolle Idee! Wir gingen oft hin, auch mit meinen Gruppen, denn das Gemüse wuchs unter der Sonne. Es gab, was es gab, also der Jahreszeit entsprechend. Alles war überschaubar, man wusste, das was man hier erntet und kauft, ist aus der Region und ohne Chemie.
Das Projekt war für mich ein echtes "Lebenskünstler-Projekt", weil es, wie mir schien, in erster Linie darum ging, gesundes, sonnengereiftes Gemüse und Obst zu ernten und den Menschen wieder einen Bezug zur Natur zu geben. Für uns war es auch deswegen so optimal, weil wir zum Gärtnern nicht genug Zeit und Kenntnis haben, oft verreist sind und somit aber trotzdem Gelegenheit hatten, zu ernten.
 
Der Wandel geschah allmählich. Wie sooft bei Projekten, bei denen am Anfang eine idealistische Vision steht (oder zumindest so nach außen getragen wird), siegt am Ende dann doch der Profit.
Je besser der Bauerngarten angenommen wurde, umso mehr wurde er ausgebaut. Es kamen größere Felder dazu, Gewächshäuser wurden gebaut, der Laden vergrößert, ausgebaut und mit Dingen angehäuft, die nur weitgehend noch mit Gemüse zu tun haben: Backmischungen, Geschenkartikel usw.
Die besondere Energie des Ortes schwand. Der Garten war nun weniger ein Garten, als eine Plantage. Wir hatten immer weniger Lust hinzugehen.  Anfangs verstand ich gar nicht, warum. Nachdem ich aus Portugal zurück war, wollte ich mal wieder echte Tomaten haben, so wie sie es dort gab: ein bisschen fleckig, ein bisschen mit Dellen hier und dort, aber saftig und voller Aroma. Und nicht den Knoblauch, den man im Supermarkt bekommt, groß, weiss und prall, aber sobald man ihn anfasst zerbröselt er und ist innen gelblich muffig. Statt dessen kleinen, festen, etwas schrumpeligen mit schneeweißen Zehen.
Das alles hatte der Bauerngarten früher gehabt. Es war dort, wie wenn man Zuhause einen Gemüsegarten hat. Als ich nun im Laden ankam, staunte ich über die kerzengeraden Karotten, knallorange, neben den Paprika, die wie aus Plastik aussahen. Ich griff zum Knoblauch und spürte sofort: dies alles ist nicht aus dem Garten. Auf meine Frage, stellte sich heraus, dass das Gemüse im Laden und auch das Obst gekauft war. Doch kein Schild informierte darüber.
Ich war enttäuscht. Größer, mehr, mehr, mehr - ist das immer besser? Plötzlich ist alles nur noch eine Mogelpackung, so jedenfalls empfand ich es. Die Leute kaufen trotzdem dort ein, doch es sind nun andere. Zum Teil ist es ein bisschen eine Touristenattraktion geworden, seit das Fernsehen dort war. Ist das jetzt ein Erfolg?
Sind wir tatsächlich immernoch auf dem Stand, dass wir Erfolg ausschließlich in materiellem Ertrag messen? Sieht keiner im Weniger einen Mehrwert? Lebensqualität, was ist das?
Und wieder fällt mir der Spruch von Dan Theander ein:
Ja, es ist herrlich Geld zu haben! Aber kann man davon leben?

Ungehindert reisen - Schlussbemerkung


Wir waren insgesamt 16 Tage unterwegs. Am Heimatflughafen fragte uns der Mann, der uns zum Gepäck brachte, ob wir Sintra gesehen hätten, ob wir dies und das und noch viel mehr gesehen hätten. Zu allem musste ich den Kopf schütteln. Oh! Dann hätten wir Lissabon und Portugal ja gar nicht gesehen.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber stimmt das überhaupt nicht. Möglicherweise haben wir Portugal einfach ganz anders gesehen und erlebt und vielleicht war das, was wir erlebt haben viel mehr an der Wahrheit.
Heutzutage gibt es zwei Modebegriffe über die viele Bücher geschrieben und Workshops abgehalten werden: Entschleunigung und Achtsamkeit.
Wer ernsthaft diese beiden Disziplinen lernen will, der kann einmal einen Menschen mit Behinderung begleiten. Nirgends lernt man mehr darüber. Nirgends wird man mehr in seiner Persönlichkeitsentwicklung herausgefordert. Aber man wird diesen Weg auch nicht allein gehen müssen. Man geht miteinander. Konflikte werden gemeinsam durchgestanden. Gegenseitige Wertschätzung und Sinn für Humor, auch in brenzligen Situationen, sind wertvolle Erfahrungen.
Ich habe N. zu verdanken, dass ich erfahren konnte, dass es nicht die Menge an Erlebnissen ist, sondern die Intensität und Qualität des gemeinsamen Erlebens. Begegnungen mit Menschen, die uns freundlich und hilfsbereit entgegen kamen, bleiben unvergessen.
Menschen, die mit Menschen mit Behinderung zusammenleben oder reisen, sind oft co-behindert. Die vielen Einschränkungen wurden mir immer wieder bewusst und manchmal, wenn ich allein durch einen Ort gehen konnte, überkam mich ein rauschhaftes Gefühl der Freiheit. Auch dieses Gefühl verdanke ich N. Denn das Eine ist ohne das Andere nicht spürbar.
Manchmal war ich stolz auf mich selbst, wenn ich eine Hürde mit eigener Kraft geschafft hatte, einen Kopfsteinpflaster besiegt, eine steile Rampe erklommen, einen schiefen Bürgersteig gemeistert hatte. Dann rief ich laut: War ich jetzt nicht super? Applaus! Und N. grinste breit und applaudierte so gut er konnte.
Die Zeiten ändern sich. Wir werden alle immer älter. Wir werden alle einmal mehr oder weniger in unserer Körperlichkeit eingeschränkt sein, vielleicht auch in unserem Geist.
Es wird Zeit, dass wir uns Zeit geben, für uns selbst und für andere.

Ungehindert reisen Teil 6 - Ja das Meer ist blau so blau!

 
 
Ich mag es, wenn es eine Vielfalt an Landschaften gibt. Einerseits die Berge, Hügel und Täler, Bäche und Flüsse und dann nur wenige Kilometer weiter das offene rauschende, betörende Meer mit Wind und salziger Luft. N. war in jungen Jahren ein hervorragender Schwimmer, sein Element war das Wasser und so zog es uns natürlich auch zu den Stränden. Das Schwierige an dieser Unternehmung ist, dass es mit Rollstuhl einerseits ein Vorteil ist, wenn Strände touristisch erschlossen sind, weil es dann einfacher ist, jemanden zu finden, der hilft. Zudem gibt es Holzstege in den Sand, worauf man recht gut mit dem Rollstuhl fahren kann und zu einer Liege mit Sonnenschirmen kommt.
Andererseits ist es viel schöner, irgendwo an einem Naturstrand zu liegen, abseits vom touristischen Rummel, die Wellen plätschern hören, den heißen Sand unter den Füßen spüren, Möwenkreischen. In Salema, an der südwestlichen Küste vom Algarve, gab es einen kleinen, goldgelben Strand, der bewacht war, eine Behindertentoilette hatte und sogar einen Strandrollstuhl. Damit kann man mit geschulten Baywatchern ins Wasser. Doch behauptete man, der Stuhl habe defekte Rollen - was ich nicht so recht glaubte, vielmehr schien es mir, dass die beiden sehr freundlichen Strandwächter angesichts N.s Behinderungen großen Respekt hatten. Sie halfen uns, zu einer Liege zu kommen. Dort führten wir dann unser kleines Tänzchen auf: Ich halte N. an den Händen und ziehe ihn aus dem Rollstuhl. Sobald er steht, dirigiere ich ihn mit Worten in die jeweilige Richtung, und er folgt in kleinen Schrittchen meinen Anweisungen: "Schritt, Schritt vor, rechts, rück, rück, stop. Seit, seit. Sitz." Je nach Laune machen wir daraus ein kleines Schauspiel und haben an den Reaktionen des Publikums unseren Spaß. Von Staunen, Schmunzeln, Weggucken bis facebookmäßigem Daumenhoch ist alles dabei. Da ich nunmal Schauspielerin bin, macht mir das Auffallen meistens nichts aus. Doch es gibt auch Situationen, wo es anders ist. Wenn die Kräfte etwas aufgebraucht sind, die Nerven nicht mehr die stärksten, dann sind die stummen Blicke eher belastend.
Was würde helfen? Ich glaube, statt stummer Blicke, die ja eher ausgrenzend  wirken, wären einfach ein paar Worte schön, sodass man sich wieder eingebunden fühlt. Das kann was ganz Banales sein wie: "Nicht schlecht, wie Sie beide das machen!" Oder: "Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie ruhig Bescheid." Oder schlicht und ergreifend einfach die Frage stellen, die einem sowieso auf der Zunge liegt. Manchmal will jemand helfen und greift beherzt, ohne lange zu fackeln N. unter die Arme, was eher nicht so hilfreich ist. Viel lieber ist uns die Frage: "Wie kann ich helfen". Aber schon ein freundliches Lächeln, ein Türaufhalten ist oft Hilfe genug.
In den letzten Tagen unseres Aufenthaltes entdeckten wir noch einen feinsandigen Strand mit glitzernd blauen Wellen, der mit Stegen über die Dünen führte, sodass einerseits die wild bewachsene Dünenlandschaft geschützt wurde, und andererseits es ganz leicht war, mit unserem Snoll-On Rollstuhl weite Spaziergänge zu machen bis zu einem Strandabschnitt, wo niemand mehr war. Dann einfach nur dasitzen, nichts sprechen, genießen, da sein. Die Weite der Landschaft in sich aufnehmen und jede Begrenzung dadurch durchbrechen.
Ungehindert reisen bedeutet frei sein in dir selbst.


Ungehindert reisen Teil 5 - Kopfsteinpflaster und andere Hürden


Wenn ich früher in meinem Beruf als Schauspielerin auf der Bühne stand, hatte ich Lampenfieber. Was ich nun des Öfteren habe ist Rampenfieber! Ich suche nämlich fieberhaft nach Rampen, um N. sicher und ohne dass er aus dem Rollstuhl zu fallen droht, über all die Bordsteine, Kanten und Stufen zu bringen. Was spannend ist zu beobachten: Es gibt immer mehr Rampen, auch in Portugal, aber oft sind sie zu steil oder aber werden, wie am Flughafen, als Komfortzone für Leute mit Rollköfferchen von Nichtbehinderten frequentiert. Ich hatte manches Mal Mühe, N. durchzulotsen. Ebenso die Aufzüge: Vollgestopft mit Menschen ohne Behinderung, die erstaunt auf uns schauen: "Was, ihr wollt auch noch mit? Ihr passt aber nicht mehr rein" - und nachher sehe ich dieselben Leute am Strand joggen, denn sie müssen ja was für die Fitness tun.
Wieder auf uns allein gestellt, beschlossen wir, die Markthalle in Silves zu besuchen. Es gab einen Parkplatz, von wo aus man ohne Steigungen gut zur Markthalle kam. Da wir etwas spät dran waren, war nicht mehr so viel los, was nur gut ist, denn zu viel Lärm und unterschiedliche Geräusche sind für N. oft irritierend. So konnten wir gemütlich von Stand zu Stand gehen, süße Feigen einkaufen, leckeren Frischkäse, Knoblauch, Tomaten, etwas Süßes. Ich war begeistert von der kleinen, sehr ursprünglichen Stadt mit der imposanten Festung, den bunten Häusern und den buckligen Gassen. Doch wie bucklig, das wurde mir erst bewusst, als wir mit dem Rollstuhl stecken blieben, als ich schwitzend versuchte, N. über die Straße zu schieben, er fast kippte, ich kaum noch die Kraft hatte, ihn zu halten. Ich fühlte die Blicke der Leute, manche mitleidig, manche vorwurfsvoll, so, als ob sie sagen wollten: Der arme Mann, was diese Frau ihm auch zumutet. - Oder bildete ich mir das nur ein? Ich war jedenfalls am Ende meiner Nerven, parkte N. im Schatten, denn die Sonne prallte mit gut 35 Grad auf uns nieder und wir hatten uns noch nicht so gut an die Hitze gewöhnt, war es doch in Deutschland fröstelig kalt gewesen.
Ich holte tief Luft - aber zu spät. Die Tränen rollten mir hemmungslos übers Gesicht, ich konnte einfach nicht mehr. N. schaute ganz betroffen und meinte nur: "Kopf hoch, das Leben geht weiter", worauf ich einen Lachanfall bekam, ohne dass die Tränen stoppten. Eine Portugiesin kam auf mich zu, küsste mich und sagte: "I love you!" Dann knutschte sie N. auch noch ab und schwupp war sie wieder weg. Nachdem sich die Spannung bei mir entladen hatte, vereinbarten wir, dass N. im Schatten bleibt, während ich noch etwas bummle.
Damit war der Tag schon kräftemäßig aufgebraucht. Wir fuhren zu unserem gemütlichen Haus und machten es uns auf den Liegen auf der Terrasse im Schatten bequem. Es wurde abends lange nicht dunkel, aber mein Schlafbedürfnis ließ sich davon wenig irritieren. :-)

Ungehindert reisen Teil 4 - Quellen, Korkeichen und kulinarische Genüsse


Unser großes Glück war es, dass wir von unseren Vermietern einen tollen Tipp bekommen hatten: Catrin George ist individuelle Begleiterin und Reiseführerin für Touren ganz nach den eigenen Bedürfnissen. So hatten wir schon vor unserer Reise per email Kontakt, wo ich ihr unsere spezielle Situation erklärte und sie um Vorschläge bat, was mit Rollstuhl denn alles möglich sei. Wo andere Anbieter abgewunken hatten, hatte Catrin George gleich eine Vielfalt an Angeboten, die sich alle sehr verlockend anhörten. Wir entschieden uns nach langem Überlegen für dieses:
Der zweite Ausflug führt uns durch die wilde Natur der Berge von Odelouca nach Monchique, und wir besuchen den Wald, und Korkeichen, suchen Kräuter und Tee, kosten Honig, Olivenöl und frisches Brot aus dem Holzofen. Ich nehme einen Picknickkorb mit, mit weiteren Kostproben der Region und wir fahren zu einer Wassermühle, oder oben auf den Foiagipfel, zum Picknicken an einer Quelle mit Parkplatz, und grandioser Rundumaussicht. Das Bergdorf Monchique und die Caldas de Monchique (ein nostalgischer Badeort) können wir unterwegs anschauen und ich erzähle vom Heiligen Berg, und von den Menschen die dort leben, und davon, warum Monchique Monchique ist, und die Menschen sich nicht als Algarven sehen.
 
Zum vereinbarten Zeitpunkt traf die sympathische Catrin George bei uns ein und wir konnten in ihrem apfelsinenfarbigen Citroen Saxo  Platz nehmen, den Rollstuhl hatten wir raffiniert im Kofferraum verstaut. Es war sofort zu spüren, dass Catrin sich gut überlegt hatte, wie sie den Ausflug gestaltet, damit er sowohl für mich, wie auch für N. spannend und abwechsungsreich wird. Langsam fuhren wir durch die Berge von Odelouca, immer wieder mit kleinen Stopps bei besonderen Bäumen und Pflanzen oder bei einer imposanten Aussicht, weit über das Land. Catrin gab uns Kräuter und Früchte zum Riechen und Schmecken, zeigte uns die klebrige Zistrose, und den Erdbeerbaum aus dessen Früchte der berühmte Schnaps Medronho gewonnen wird.
Steil abwärts ging es dann in ein winziges Dorf zu einer Bäckerin, die für uns draußen schon einen Tisch gedeckt hatte mit köstlichem Holzofenbrot, Honig, Feigen- und Anisbrot und Limonade. Im Nu hatte Catrin ihre Kühltasche ausgepackt und Käse, Wurst und Obst, sowie Oliven ergänzten die Tafel.
Es war köstlich! Wir bekamen Einblick in das Leben der Menschen, ihre Lebensart, ihre Kultur.
Unser Spaziergang durch die Korkeichwälder war ein weiteres sinnliches Erlebnis. Wer einmal die Geschichte des Korks gehört hat, diese knorrigen, alten Bäume gesehen und berührt hat, wird nie wieder einen Korken wegwerfen wollen. An einer Quelle hing eine Schöpfkelle aus Kork, mit der man sich Wasser holen konnte zum Trinken.


Wenn die Wege zu steinig, holperig oder steil waren, ließen wir N. im Schatten stehen, wo er hörend die Natur betrachtete, während wir durch schmale Pfade zu den Kräutergärten und Obstbäumen spazierten. Das Aus- und Einklappen des Rollstuhles, sowie N. in das Auto hinein und wieder heraushelfen, ist für mich allein, wenn es oft sein muss, sehr beschwerlich. Aber mit Catrins Hilfe war es ein Kinderspiel und für uns sehr angenehm. Ganz oben auf dem höchsten Gipfel Fóia gab es dann einen unglaublichen Rundumblick bis zum Aléntejo. Nach einem Kaffee traten wir dann die Heimfahrt an und kamen erfüllt und selig in unserem Casa Luar an, dem Mondscheinhaus.
An dieser Stelle möchte ich mich nochmal ganz herzlich bei Catrin George bedanken. Catrin, du bist Spitze!

Ungehindert reisen Teil 3 - unter Orangen und Zitrusbäumen


Am dritten Tag holten wir unseren Mietwagen am Flughafen ab. Das war hektisch und trieb mir den Schweiß aus den Poren. Man sollte eigentlich portugiesisch sprechen, denn mit englisch kommt man nur bedingt weiter. Wir bekamen den Rollstuhl grade mal so mit umgeklappter Rückbank ins Auto. Bei meinem Toyota Yaris, auch nur ein Kleinwagen, kann ich ihn normalerweise hinter den Sitz klemmen, was wesentlich leichter für mich ist. Wir ratterten also nach Süden. Die Autobahnen sind in Portugal wenig befahren, was wohl an der Maut liegt, jedenfalls waren wir in knapp drei Stunden ganz unten im Süden, zweigten ab in Richtung Hinterland und folgten erstmal dem TomTom, dann, als es off-road wurde, der genauen Beschreibung mit Fotos, die uns unsere Vermieter gemailt hatten.
In einer ursprünglichen und ländlichen Umgebung eröffnete sich uns ein traumhafter Blick auf die Monchique Berge, den wir ab jetzt jeden Tag von unserem Haus aus genießen konnten! Der Geruch in der Luft war ein herzhafter Kräuterduft, Eukalyptus, Salbei, Thymian, erdig, warm. Wir wurden herzlich begrüßt und auf dem Tisch stand eine Schale Obst, Wein, Honig - alles für uns! Als wir ins Haus traten fühlte ich gleich, dass man sich hier wie Zuhause fühlen kann. Liebevoll eingerichtet, geräumig, ohne SchnickSchnack, großzügig. Auch N. war begeistert und navigierte sich erstmal durch sämtliche Räume. Wenn er das einige Male tut, hat er bald eine innere Vorstellung der Räumlichkeiten und kann sich problemlos orientieren. Auch die Rampen von drinnen nach draußen konnte er schnell selbst bewältigen, es war perfekt!
Orangen, die direkt von den Bäumen kamen, pressten wir aus und tranken den süßen, fruchtigen Saft. Ich konnte am nächsten Morgen gleich Nachschub kaufen bei der kleinen Frau vom Café Rosa, unterhalb unseres Hauses, da wo die Teerstrasse zur Schotterstrasse wird. Sie saß jeden Tag in ihrem weißen Auto an der Straße und verkaufte Orangen, Zitronen und Tangerinen. Weder sprach sie englisch und schon gar nicht deutsch, sodass ich ihr immer nur den Geldbeutel hinhielt und sie in den Münzen kramte, bis sie die 50 Cent nahm, die ein Kilo kosteten.
N. musste sich erstmal an die ungewohnten Geräusche gewöhnen. Als ich vom Einkauf zurückkam meinte er, irgendetwas sei während ich weg war hereingekommen - es hätte sich angehört wie ein Riesenhamster! Ich durchsuchte alle Räume, aber kein Riesenhamster war zu finden ;-) Es muss der Vorhang gewesen sein, den der Wind durch die Tür blies und ein Geräusch machte, als huschte etwas um die Ecke.

Ungehindert reisenTeil 2 - Lissabon im Taxi


Dass es ausgesprochen schwierig sein würde, mit dem Rollstuhl durch Lissabon zu gurken, war uns von vornherein klar. Obwohl wir vor längerem schon bei Reha Mühleisen den absolut genialen snollon gekauft haben, ein Vorrad, das man an den Rollstuhl anschnallen kann, damit er besser über Unebenheiten, also auch Kopfsteinpflaster rollt, sind die Steigungen in dieser traumhaften Stadt doch beachtlich. Somit suchte ich schon Anfang des Jahres einen Taxifahrer, möglichst deutschsprechend, möglichst flexibel, möglichst vorurteilsfrei, der uns zu einem fairen Preis chauffieren würde. Candido Morais war unser Kanditat :-)
Am Flughafen wurden wir pünktlich und freundlich von seinem Kollegen abgeholt und zum Hotel gefahren. Dort angekommen staunten wir nicht schlecht über das exklusive, feine Interieur des Hotels, das im Feng Shui Stil gebaut war und wirklich sehr angenehm wirkte. Die Räume groß und mit allem Komfort, was in unserem Fall schwellenlos bedeutet und mit Griffen an den richtigen Stellen. Ganz toll fand ich, dass wir keinen Aufpreis zahlen mussten für das opulente Frühstück auf dem Zimmer!
Meine ersten Erkundungen draußen zeigten, dass es die richtige Entscheidung war, Herrn Morais für den nächsten Tag gebucht zu haben.
Freundlich lächelnd und ohne Hektik stand er vor uns und ließ sich zeigen, wie wir das mit dem Ein- und Aussteigen in und aus dem Taxi managen und wie der Rollstuhl zusammengeklappt wird. Herr Morais war nach zwei drei Aktionen dieser Art schon Profi. Gekonnt rollte er den Rollstuhl samt blindem Passagier über das Kopfsteinpflaster, was mein Freund N. breit grinsend kommentierte.
Eine Stadtrundfahrt zeigt natürlich nur einen Bruchteil dessen, was möglich wäre, könnte man ungehindert zu Fuß gehen. So eingeschränkt eröffnen sich aber andere Perspektiven. Unser Taxifahrer fuhr sehr langsam auch durch die engsten und abgelegensten Gassen, sodass ich die kunstvoll bemalten Kacheln an den Häusern ganz aus der Nähe bewundern konnte. Keine Karten lesen zu müssen, sich nicht orientieren zu müssen, lässt Zeit, Menschen zu beobachten, Düfte einzuatmen, Geräusche wahrzunehmen. Wir erlebten eine helle, leuchtende Stadt, quirlig und lebendig, wenig hektisch und irgendwie "lebenskünstlerisch".
Unserem Taxifahrer wurde erst nach und nach das Ausmaß der Behinderung von N. klar, nämlich, als wir im lauten Café Kuchen aßen und er nicht darauf gefasst war, dass N. gefüttert werden musste. Danach wurde er sehr schweigsam. Dass N. berufstätig ist und seine Behinderung lediglich als ein Anderssein empfindet, (zugegeben, ein manchmal beschwerliches Anderssein) ist für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Jedenfalls verabschiedete sich unser Chauffeur von meinem Freund mit den Worten: "Kopf hoch! Das Leben geht weiter!" woraufhin dieser ihm antwortete: "Ja, und für Sie auch!" ;-)