Niemals umsonst!


Im Newsletter vom Künstlerrat las ich neulich dies:
Anfrage:
Wir sind ein kleines Restaurant und suchen Musiker, die gelegentlich bei uns musizieren um bekannt zu werden. Wir können zwar keine Gage zahlen, aber wenn die Sache gut funktioniert und die Musik bei unseren Gästen gut ankommt, könnten wir an den Wochenenden auch Tanzveranstaltungen machen. Sollten Sie also daran interessiert sein, Ihre Musik bekannt zu machen, melden Sie sich bitte bei uns.

Antwort:
Wir sind Musiker und wohnen in einem ziemlich großen Haus. Wir suchen ein Restaurant, das gelegentlich bei uns Catering macht um bekannt zu werden. Bezahlen können wir nichts, aber wenn die Sache gut funktioniert und das Essen schmeckt, dann könnten wir das regelmäßig machen. Es wäre bestimmt eine gute Reklame für Ihr Restaurant. Bitte, melden Sie sich bei uns.
 
Wenige Tage später wurde mir eine ähnliche Anfrage wie oben angetragen, nur dass es dabei um eine literarische Lesung ging. Die allgemeine Meinung, dass Künstler schon glücklich und zufrieden sind, wenn sie überhaupt auftreten dürfen, ist nicht auszumerzen. Dass wir von unserer Kunst leben, unsere Miete, unsere Krankenversicherung, unser Essen bezahlen müssen, wie jeder andere, das ist außerhalb jeder Vorstellungskraft. Kunst ist etwas, womit man sich gerne schmückt, sein Restaurant aufwertet, öffentliche Gebäude attraktiver gestaltet, damit mehr Kunden kommen sollen. Die Künstler werden wohlwollend belächelt und dürfen sich mit einer Spende zufrieden geben.
 
Sowas macht mich sauer. Ich arbeite ab und zu auch mal kostenlos, aber niemals umsonst. Dann ist es sehr individuell überlegt. Meine Arbeit ist kostbar und ich verschleudere sie nicht. Jahrelange Ausbildung und Berufspraxis will ich wertgeschätzt wissen. Wer mir diese Wertschätzung nicht entgegen bringen kann, hat mich nicht verdient.

Sturz ins Innere - Ingeborg Bachmann über den Terror




Was können wir selbst dazu beitragen, dass es weniger Gewalt und Terror gibt? Können wir überhaupt etwas tun? Sind wir wirklich hilflos und müssen zusehen? Wo fängt der Terror an?
Ingeborg Bachmann schreibt dazu:
(...) Ich habe schon vorher darüber nachgedacht, wo fängt der Faschismus an. Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, er fängt nicht an mit dem Terror, über den man schreiben kann in jeder Zeitung. Er fängt an in der Beziehung zwi­schen Menschen. Er ist dort, wo wir ihn nicht ver­muten, wo ihn niemand sucht, aber ein Schrift­steller hat ihn dort zu suchen, wo er wirklich ist. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwi­schen einem Mann und einer Frau. Und ich habe versucht zu sagen in diesem Kapitel: hier, in dieser Gesellschaft, ist immer Krieg, es gibt nicht Krieg und Frieden, es gibt nur den ewigen Krieg.
( aus: Ein Tag wird kommen - Gespräche in Rom, Ingeborg Bachmann, Jung und Jung Verlag)

Der Keim der Verbrechen liegt in dem Wunsch, den anderen zu beherrschen, sagt Bachmann.

Ein Buchladen zum Verlieben

www.mit-buechern-unterwegs.de

Viele fragen sich, ob das gedruckte Buch noch überleben wird, angesichts der digitalen Welt und der Vielzahl an ebooks.
Heute habe ich die Antwort bekommen. JA! Doch es kommt auf die Buchläden an. Wenn ein Buchladen begriffen hat, dass Literatur Kulturgut ist, dass wir beim Lesen und Blättern inspiriert und angeregt werden wollen, dass es ein sinnliches Erlebnis ist, einen Buchdeckel zu öffnen und dass Sprache mehr ist, als Information, dann, ja dann hat das gedruckte Buch Zukunft und das ebook wird nur eine Beigabe sein.
Ich fand heute eher zufällig einen solchen Buchladen in Ravensburg, glücklicherweise in bester Nachbarschaft zum Papeterieladen Vogelart in der Marktstrasse 43.
Nicht nur meine Lieblingsautorinnen Ingeborg Bachmann und Hilde Domin fielen mir gleich ins Auge, auch vieles, was ich noch nicht kannte und auch sonst nirgends ausliegt. Stöbern und Entdecken, Buchtitel, die in die Kategorie "unverbrauchte Worte" fallen könnten, wecken die Neugier. Ein Buchladen ist für mich im idealsten Fall ein Ort, wo ich auf neue Ideen gebracht werde, wo es etwas zu entdecken gibt. Selten war das in den letzten Jahren der Fall. Ein Buchladen als Stätte der Kultur! Wie schön, dass es das in Ravensburg gibt! Wer also in der Nähe wohnt, dem rate ich, dort mal vorbeizuschauen, es lohnt sich.
Buchladen Anna Rahm
Mit Büchern unterwegs - auf Wörtern reisen
Marktstrasse 43, Ravensburg

Lichtblicke - das inspirierende Kursprogramm der EEB Ortenau


Seit vielen Jahren bin ich mit Kursen im Programm der Evangelischen Erwachsenenbildung Ortenau vertreten - und das mit Freude und Begeisterung. Die Veranstaltungen die geboten werden, sind alle sehr inspirierend und vielfältig und mit Bedacht ausgewählt. Auch im neusten Veranstaltungsheft Lichtblicke werden wieder Themen angesprochen, die für unser Miteinander wichtig sind, wie zum Beispiel interkulturelles Zusammenleben.
In einem persönlichen Gespräch mit der neuen Leiterin Claudia Roloff, habe ich gespürt, dass mein Kursangebot dort auch weiterhin in den besten Händen ist. Die KursteilnehmerInnen, die zu mir über die EEB finden, sind immer interessierte, offene und experimentierfreudige Menschen.
Man wird kaum ein kirchliches Kursprogramm finden, das so gut ausgewählt und mit einem echten Anspruch an Bildung für Geist, Herz und Spiritualität daherkommt, wie das, der EEB Ortenau.
Deshalb lohnt es sich, mal hier reinzuschauen.

Besonders aufgefallen sind mir die Veranstaltung mit Carola de Vries Robles, am 27.03.
und die Filmabende mit Gespräch:
In einer besseren Welt, am 23.04.
"Vol Spécial" - Asylpolitik in der Schweiz, am 17.06.

Warum nichtbehinderte Schauspieler Menschen mit Behinderung darstellen dürfen und sollen

Mehrmals habe ich nun schon in verschiedenen Foren gelesen, dass man sich darüber beschwert, dass in Filmen, wo es u.a. auch um Menschen mit Behinderung geht, diese von Schauspielern dargestellt werden, die keine Behinderung haben. Das würde der Inklusion widersprechen.
Ich bin da ganz anderer Meinung. Ein Schauspieler hat diesen Beruf gewählt, weil er sich in andere Menschen hineinversetzen möchte. Ich finde es als Schauspielerin spannend, jemand ganz anderer zu sein, herauszufinden, wie derjenige sich wohl fühlt, was er denkt, wie er handelt. Es ist meine Neugier und meine Liebe zu den unterschiedlichen Menschen, mein Wunsch am Verstehenwollen.
Wenn ich also die Chance bekomme, einen behinderten Menschen darstellen zu dürfen, dann ist dies nicht nur eine große Herausforderung, es ist auch eine Ehre und ein Privileg, dass man mir diese Aufgabe zutraut.
Ein guter Schauspieler wird sich gewissenhaft vorbereiten. Gespräche mit Betroffenen finden statt, die sonst nie stattfinden würden!
Ein hervorragendes Beispiel ist der gerade angelaufene Film über das Leben von Stephen Hawking, "Die Entdeckung der Unendlichkeit". Die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers ist ungeheuer! Minutiös hat er sich auf diese Rolle vorbereitet, hat den Verlauf der Krankheit nachvollzogen und trifft damit den Zuschauer zutiefst.
Man muss  kein Mörder sein, um einen spielen zu können, man muss auch nicht behindert sein, um eine Behinderung darstellen zu können. Was man aber muss, ist, sich mit der Thematik auseinandersetzen und sie so nah wie möglich an sich heranlassen.
Schauspielerei ist für mich einer der besten Wege, Andersartigkeit verstehen zu können.
Die Meinung, nicht behinderte Schauspieler könnten behinderten Schauspielern die Rollen wegnehmen, halte ich für eher unwahrscheinlich. Oft ist es sogar so, dass wir, wenn wir selbst betroffen sind, viel weniger gut die Rolle darstellen können, eben weil wir keinen Abstand haben und das Persönliche zu sehr mit reinspielt. Im Schauspiel geht es aber nicht um DICH, es geht immer um das THEMA, um die Sache. So wird ein Schauspieler mit Behinderung auch nicht sein Leben lang genau auf diese Behinderung festgelegt werden wollen!
Es ist also unbedingt notwendig, das Gespräch zu suchen. Was anderes ist denn Inklusion, als das Miteinander, das aufeinander zu gehen können, das sich gegenseitige Verstehen?
Als ich einmal die Rolle einer Krankenschwester spielen musste, die einem Aids-Patienten Sterbehilfe leistet, habe ich zum ersten Mal im Leben Menschen mit HIV kennengelernt und konnte Vorurteile und unbegründete Ängste abbauen. Was für eine Chance!
Schade ist es allerdings, wenn ein Drehbuch flach und klischeehaft geschrieben ist. Hier hat dann der Autor versagt und eben nicht das Gespräch gesucht.  Dann hat auch der am besten vorbereitetste Schauspieler keine Chance mehr, außer, er lehnt ein solches Drehbuch ab.

Warum ist das Buch besser als der Film?


http://lebkom.blogspot.de/
Jeder kennt das: Wenn das Lieblingsbuch verfilmt wird, ist man meist enttäuscht. Warum?
Beim Lesen arbeitet unsere eigene Fantasie mit. Wir gehen in Resonanz mit der Handlung, mit den Personen, gestalten mit, erweitern das Geschehen mit unserem eigenen Erfahrungsschatz. So wird das Buch zu "unserem" Buch, individuell und einzigartig. Im Laufe unseres Lebens gewinnen wir an Erfahrung dazu. So kann es sein, dass dasselbe Buch, wenn wir es nach Jahren erneut lesen, völlig anders bei uns anklingt. Plötzlich können wir Erkenntnisse daraus gewinnen, die vorher nicht da waren. Lesen ist ein schöpferischer, sehr kreativer Akt, während das Filmegucken einfach konsumieren bedeutet, Zeitvertreib, Zerstreuung und Amüsement. Etwas Fertiges wird uns serviert, aufbereitet mit der Fantasie Anderer. Klar, es kann inspirieren, faszinieren und es ist nichts dagegen zu sagen, auch mal nur das zu wollen, aber du selbst bist nicht schöpferisch beteiligt.
Wenn also jemand zu mir sagt: Stell doch ein Video ein, um deine Arbeit zu dokumentieren, dann muss ich genauso antworten: Lebendige Kommunikation ist immer so individuell wie die Menschen, die sich daran schöpferisch beteiligen. Ich kann daraus keinen Film machen und möchte es auch nicht. Meine Worte hier im Blog und auf meiner Webseite, sowie die dazu eingestellten Bilder geben genug Einblick. Was es wirklich ist und wie ich dabei wirke und Impulse gebe, das wird jede/r individuell erfahren und umsetzen, wenn er/sie dabei ist. Jede/r Teilnehmer/in wird schöpferisch und kreativ seine eigenen Erfahrungen hinzufügen und dadurch alle Mitbeteiligten bereichern. Am Ende gibt es soviel verschiedene "Filme" wie Teilnehmer.
Statt einem YouTube Video biete ich für alle Interssierte ein kostenloses persönliches Vorgespräch an.
 

Wo Schmutz nichts extra kostet



Ich lebe gern hier bei den Schwaben. Wo sonst ist der Himmel schöner?
Und ab heute bin ich noch beruhigter: Man wird niemals über den Tisch gezogen, Schwaben sind ehrliche, rechtschaffene Menschen.
Schon vor Weihnachten haben Lone und ich alle Gästedeckbetten samt Kopfkissen in die Reinigung gebracht und waren sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Deshalb kamen wir heute mit Sofa- und Kissenbezügen aus feinster isländischer Wolle. Lone wollte den Preis wissen, da doch sicher die großen Kissenbezüge teurer wären, als die kleinen.
"Nein, nein, das wird alles nach Gewicht berechnet".
"Ah, sehr gut. Ich möchte dann gleich im Voraus zahlen."
"Das geht leider nicht, da wir alles nach der Reinigung wiegen. Der Schmutz soll ja nicht mitgewogen werden." Das Gesicht des Mannes blieb ernst.
Ich lachte, über soviel trockenen Humor, und wollte gerade noch vorschlagen, dass es doch dann sinnvoller und logischer wäre, die Sachen vorher und nachher zu wiegen und die Differenz des Gewichtes zu zahlen, also nur für den entfernten Schmutz. Aber Lones Blick sagte mir, hier war alles ganz ernst gemeint. Und man zahlt nicht für Schmutz, sondern für Sauberkeit.
 
Meine Erfahrungen zu den kulturellen und mentalen Unterschieden zwischen Schwaben und Badenern habe ich ja hier schon vor einigen Jahren hörbar gemacht. Klick

Das Leben kann auch amüsant, lustig und kurios sein! Wie schön!

Ich bin... immernoch ich

Ein merkwürdiges, unangenehmes Gefühl macht sich in mir breit, wenn vorschnell gewisse Slogans einfach übernommen werden. Nicht mal der Bundespräsident macht davor Halt. Es ist ja auch so einfach.
Meine Betroffenheit über die Vorgänge in Paris war nicht in einen Satz zu quetschen. Zu komplex sind meine Gedanken und Gefühle dazu.
Ich bin Petra.
Ich wünsche mir eine Welt, wo die verschiedenen Meinungen und Ansichten frei geäußert werden können, und wertschätzend und respektvoll damit umgegangen wird. Die Würde des Menschen will ich geachtet wissen. Gewalt gibt es in vielen verschiedenen Formen und Auswüchsen. Es gibt sie in brutalen Taten genauso wie in Worten und Bildern. Das ist es, was ich mir immer wieder versuche bewusst zu machen und mich jeden Tag neu frage:
Wo gehöre ich hin? Ich, Petra.
 

... und viel Erfolg im neuen Jahr!


Mir fällt immer wieder auf, dass gar nicht mehr so oft gefragt wird: "Und, wie geht es dir?" sondern stattdessen "Na, wie läuft´s?" oder "Und, was geht?" Dann wird erwartet, dass man von irgendwelchen tollen Projekten erzählt, von Erfolgen und Zielen, die man erreicht hat. Auch die Familienweihnachtsbriefe berichten immer wieder zuverlässig von hochbegabten Kindern, die mustergültig die Stufen der gesellschaftlichen Ordnung erklimmen, um eben eines zu sein: erfolgreich. Oder hat jemand schonmal einen Weihnachtsjahresrückblicksbrief bekommen, wo drin stand, dass man sich scheiden ließ, dass der Sohn beim Klauen erwischt wurde, die Tochter nun doch die Klasse wiederholen muss, oder dass man faul auf der Couch gelegen hat und einfach nur gelesen oder im Internet gedaddelt hat?
Bei einem Besuch bei Bekannten bekam ich zu hören, was alles notwendig ist, um erfolgreich zu sein. Man muss eine top Webseite haben, bei Facebook sein und man muss bei YouTube Videos einstellen und sich selbstdarstellen. Ist das dann Erfolg, wenn Tausende mich anklicken? Ist Erfolg das, wenn man die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen bekommt? Wenn man damit viel Geld verdient? Was ist eigentlich Erfolg?? Ja, es gibt jetzt sogar Kurse, die lehren, wie man "erfolgreich scheitert"! Da bekomme ich schon Atemnot bei soviel Leistungsdruck!
Natürlich möchte ich etwas bewegen, Teil der Gesellschaft sein, mich einbringen können und das Geld verdienen, das ich zum Leben brauche. Aber für mich liegt der wahre Erfolg darin, mich einlassen zu können auf das Leben selbst. Die wertvollsten Erfahrungen sind meist die, die ich nicht gesucht, nicht gesteuert habe. In diesem Sinne war das vergangene Jahr ein Riesenerfolg für mich.
Es gibt nicht allzu viele Menschen, die Mut haben und sich auf das Abenteuer "Lebe dein Leben" einlassen, aus Angst, sie könnten dann nicht so erfolgreich sein, wie andere es ihnen vorschreiben.
Irgendwie tragisch.

Friedliche Festtage


Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.


Rilke

Wir wissen was ihr braucht


Ich konnte mich in diesem Jahr ausgiebig damit auseinandersetzen, was "Behinderung" bedeutet und bin zu dem Schluss gekommen, dass die meisten Menschen unter der schwerwiegendsten Behinderung leiden, nämlich die "Ich-weiss-genau-was-du-brauchst-Behinderung". Mit dieser Einstellung versuchen sie, dem vermeintlichen Problem eine sofortige Lösung zu bieten. Es ist diese Einstellung, alles Unangenehme durch eine schnelle Sofortmaßnahme zu beseitigen.
Als ich mit meinem Freund neulich eine Veranstaltung besuchen wollte, zu der er ausdrücklich geladen war und wo man wusste, dass er sowohl blind als auch Rollstuhlfahrer ist, standen wir vor einer steilen Treppe und wussten nicht weiter. Ich ging erstmal ins Gebäude und fragte nach dem Fahrstuhl oder einem Eingang für Rollstuhlfahrer. "Oh, einen Fahrstuhl gibt es, aber dazu haben wir grad keinen Schlüssel. Doch alles kein Problem, wir tragen ihn hoch!"
Und noch ehe ich was sagen konnte, umkreisten etwa 5 Leute den Rollstuhl mit meinem Freund und versuchten ihn hochzuhieven. Ich sah seinen irritierten Gesichtsausdruck, denn sehen konnte er ja nichts, war also nicht darauf vorbereitet, was wohl um ihn vor sich ging. Keiner fragte ihn, wie das Ganze vonstatten gehen sollte. Klar, blind und bewegungsunfähig wie er ist, weiss er es ohnehin nicht - oder? Energisch griff ich ein. "Ihr müsst ihn fragen, nur er weiss, wie es am besten geht!" Verständnislose Gesichter. Aber sie fragten. Gut, es ging. Aber macht sich irgendwer Gedanken darüber, wie es für einen selbst wohl wäre, wenn man blind im Rollstuhl säße und aus heiterem Himmel hochgehoben würde?

Es ist Weihnachtszeit und wir alle sind in Geber- und Helferstimmung. Wir wollen ja so gute Menschen sein. Helfen tut ja auch unendlich gut, man fühlt sich als ein besserer Mensch. "Ich kümmere mich gern um behinderte Menschen, das gibt mir so viel", hörte ich neulich jemanden sagen. Es geht aber nicht darum, dass es mir was gibt! Ich muss erstmal nachfragen, was meine Hilfe geben kann und ob sie überhaupt sinnvoll ist.
Es ist toll, wenn ihr einem Rollstuhlfahrer die Tür aufhaltet. Aber ungefragt den Rollstuhl anpacken oder jemanden anfassen, das ist übergriffig und ohne Achtung.
Man kann das Thema ausweiten auf alle möglichen "Hilfsaktionen". Wo wird eigentlich gefragt, ob diejenigen, die wir als bedürftig einstufen, das alles wirklich brauchen und wollen? Ich bin kein besserer Mensch, wenn ich meine sogenannten guten Taten ungefragt meinem Gegenüber aufstülpe und dann auch noch Dankbarkeit erwarte.
Sich beim Helfen demütig zeigen, das ist wohl die schwierigste Übung! Helfen heisst dienen. Aber das haben die meisten vergessen.

Ein verwandelter Delfin


Heute beginnt in Berlin der Zukunftskongress Inklusion 2025 der Aktion Mensch. Nils Jent wird auch dabei sein und am Mittwoch, 10:15h einen Vortrag und Workshop halten über Inklusion im Arbeitsleben und in der Unternehmensentwicklung.
Eigentlich ist Nils ein verwandelter Delfin. Vor seinem Unfall war er ein sportlicher Schwimmer, sprang von den höchsten Türmen mit akrobatischen Drehungen, tauchte unter, verschwand in den Tiefen des Meeres, um unerwartet an einer anderen Stelle wieder aufzutauchen. Er sagt von sich, er sei zweimal geboren, denn nach seinem Unfall begann ein neues Leben unter anderen Voraussetzungen. Heute identifiziert er sich eher mit einer Schildkröte. Alles ist langsamer, bedächtiger. Seine Entwicklungsstufen in diesem zweiten Leben beschreibt er eindrücklich in seinem Buch Essenzen des Wahrnehmens, das vor einem Jahr bei uns im Bech Verlag herausgegeben wurde und das zur Zeit unser "Bestseller" ist!
Nils Jent ist ein außergewöhnlicher Mensch mit einer hochsensiblen Begabung, Menschen in ihrem innersten Wesen zu erkennen. Die akrobatischen Sprünge des Delfins sind immernoch in ihm präsent: Blitzschnelle Gedankensprünge, enorme Vorstellungskraft verbunden mit Ausdauer, Geduld und Einfühlungsvermögen.