Begeisterung als Lebenselixier


Was begeistert mich? Wann bin ich zur Begeisterung fähig? Gerald Hüther hält die Begeisterung und die Beziehungsfähigkeit für die wichtigsten Elemente eines erfüllten Lebens. Wir lernen durch die Begeisterung. Das Gespräch gestern im Jungen Kunsthaus Bad Saulgau war anregend und hat nachdenklich gestimmt. Anscheinend braucht es Mut, aus vorhandenen Strukturen auszubrechen, seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, die Werte für das eigene Leben selbst zu bestimmen.
Gemeinsam könnten wir diesen Mut viel eher aufbringen. Statt zu sagen, es müsste, es sollte, es könnte, und alles auf die Gesellschaft zu schieben, müssen wir es einfach tun, denn wir sind die Gesellschaft. Es einfach tun, bedeutet auch, anzuecken und gesetzte Grenzen zu überschreiten. Sich Zeit nehmen. Was ist wirklich wichtig? Um diese Frage für mich beantworten zu können, brauche ich Zeit.

Nanna bunte Küche


Vor zwei Tagen schon, auf dem Weg zur Tina Modotti-Ausstellung, hab ich diesen wunderschönen Gewürzeladen entdeckt: Eine Fülle exotischer Reisgerichte, Gewürzmischungen, aber auch süße Köstlichkeiten inmitten bunter, fröhlicher Dekorationen und Farben. Dazu eine sehr freundliche Bedienung und die Möglichkeit, zu probieren. Der Laden liegt nicht ganz im Zentrum der Altstadt, ist aber leicht zu finden: die Spisergasse ganz durchgehen, bis man auf einen Kreisel stößt. Auf der gegenüberliegenden Seite fällt einem dann das bunte Schaufenster auf.

Die Schule ist nicht das Leben - zum Glück

Ich kann immer die Leute nicht verstehen, die sagen: "Meine Schulzeit war die schönste Zeit in meinem Leben."
Für mich war diese Zeit zum großen Teil sinnentleert. Die Grundschule hätte genügt: Lesen Schreiben, Kopfrechnen. Alles andere, was ich später brauchen konnte,  habe ich mir sowieso selbst beigebracht. Interessen entwickelten sich durch Anregungen meiner Eltern oder Menschen, die ich als Vorbilder empfand.
Nun war ich in einem Vortrag der Agenda "Schule neu denken" - "Was brauchen Kinder?". Ob es genügt, Schule nur neu zu denken, sei mal dahin gestellt. Das Problem für den Referenten, der ganz im Sinne von Gerald Hüther viel Interessantes mitzuteilen hatte, war, dass sein Publikum vorwiegend aus Lehrern und Lehrerinnen bestand. Statt sich inspirieren zu lassen, klebte die Frage förmlich in ihren stirngerunzelten Gesichtern: Ja, aber wie soll ich den Stoff bis Schuljahresende den Kindern einpauken? Man erwartete vom Referenten schnelle Tricks und Tipps. Er aber setzte auf Persönlichkeitsentfaltung (Hilfe, was ist das??)!
Während des Vortrags ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Jemand geht 13 Jahre zur Schule. Danach studiert er oder sie ein Fach, worin man schon immer gute Noten hatte, und weil es am sichersten ist, studiert man auf Lehramt. Danach geht es wieder ab in die Schule. Und dort unterrichtet man jetzt, hat also lediglich die Seiten gewechselt, aber alles ist wie immer. 
Wie kann man also von den Lehrern erwarten, dass sie nun Schule neu denken sollen, geschweige denn neu gestalten? Das Problem ist also nicht die Frage, was Kinder brauchen, sondern eher, was Lehrer brauchen. In meinen Kursen sind sie oft schwierige Klienten (wobei ich fast immer höre: Ich bin kein typischer Lehrer! - Aber: es gibt keine untypischen Lehrer, sonst wären sie es nicht) Warum? Weil sie Übungen, die nicht eins zu eins zu einem klar definierten Ziel führen, hinterfragen, statt sich einfach mal einzulassen und sich überraschen zu lassen. Weil sie das Gefühl bekommen, sie machen sich lächerlich, sobald sie etwas spielerisch angehen. Weil ihnen das Spielerische längst abhanden gekommen ist, weil lernen Arbeit sein soll, weil überhaupt nur das hart Erarbeitete einen Wert hat...
So sind wir alle erzogen (im Übrigen zum größten Teil von der Schule), das dauert Jahre, bis wir da wieder raus sind.
Nur KünstlerInnen und kreative VerweigerInnen, die den Mut hatten, aus der Sicherheit, der finanziellen sowie der gesellschaftlichen, auszubrechen, könnten uns heute Beispiel sein. Wollen  wir also Schule nicht nur neu denken, sondern auch neu machen, dann wäre es sicher hilfreich, sich von ihnen "belehren" zu lassen.
Tatsache bleibt: Es ist nicht ein Problem der Schule an sich und des Bildungssystems. Es ist das Problem einer ganzen Gesellschaft.

Am nächsten Mittwoch, 19.11., 19 Uhr wird im Jungen Kunsthaus Bad Saulgau ein Film zum Thema gezeigt. Ich moderiere die anschließende Diskussion.

Sprecherziehung - klingt irgendwie spassfrei


Ich bin weder Sprecherzieherin noch Theaterpädagogin. Das muss mal gesagt werden. Das ist so, wie wenn man einen Kunstmaler als Kunstlehrer bezeichnen würde, einen Opernsänger als Gesangslehrer. Denn vermutlich hat der Kunstlehrer selten seine Malereien ausgestellt und verkauft, der Gesangslehrer noch nie eine Arie gesungen und auch die Tanzpädagogin dürfte wohl kaum im Ensemble von Pina Bausch getanzt haben. Natürlich unterrichten auch viele Künstler in ihrem Metier, aber was sie vermitteln ist weit mehr, da es von praktischer Erfahrung geprägt ist. Doch nicht immer sind die Künstler auch die geeigneten Pädagogen, weil ihnen möglicherweise das Talent fehlt, etwas weiterzugeben.
Obwohl ich glaube, dass ich alles, was mit meinem Beruf als Schauspielerin zu tun hat, gut vermitteln kann und darüber hinaus sogar eine Persönlichkeitsentwicklung anregen kann, bin ich keine Pädagogin. Ich bin Künstlerin.

Natürlich werde ich oft gefragt, ob ich auch Sprecherziehung gebe. Dieses Wort klingt so spassfrei, so fernab vom Spielen, wie es doch ein Schau-Spieler gern möchte. Aber ja, das gute Sprechen gehört zu meinem Beruf. Und ich vermittle es auf meine Weise. Dazu gehört, dass ich niemandem etwas aufsetzen möchte, was er nicht ist. Dialekt zum Beispiel, ist oft ein Teil der Persönlichkeit. Er muss nicht gänzlich verschwinden, wenn man sich ohne ihn unwohl fühlt. Aber man kann sowas "einschleifen". Mit der Stimme, der Sprache, dem Sprechen zu arbeiten soll immer Freude bereiten. Nur so kann es gelingen.
In der Zeitung Universalis, Freiburg, fand ich dennoch einen ausgesprochen guten Artikel, der beschreibt, um was es denn bei Sprecherziehung so geht und weshalb es wenig mit Logopädie zu tun hat.

Wahre Geschichten in Wort und Bild

Big Island, Hawaii 2014
http://www.amazon.de/Brasilien-mit-Hanf-Herz-Geschichten/dp/3936603219/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1415607880&sr=8-1&keywords=Tomas+Belsky


Ich mag ihn. Ich mag ihn sehr: Tomas Belsky, den Maler und Autor aus Hawaii, dessen Buch wir in diesem Frühjahr herausgeben konnten. Ein Jahr lang haben wir gebraucht, um es so zu übersetzen, dass wir zufrieden waren mit unserem Ergebnis.
Nun denke ich in diesen Tagen oft an unsere Begegnungen, an seinen Humor, seine Geschichten, seine Fragen an mich. Ich erinnere mich an unseren Abschied, wir waren alle etwas wortkarg, der Kloß im Hals zu dick, es gab nicht mehr viel zu sagen. Dann sein müder, trauriger Gang, als er davonging, ich hinter ihm herschaute.
Belsky ist ein Künstler aus dem Herzen. Er malt und erzählt Geschichten, weil er nicht anders kann. Das Buch ist nicht nur eine Liebeserklärung an Brasilien, sondern auch eine Liebeserklärung an das Leben selbst.

...und trotzdem


hier klicken um Lava zu sehen
Ich bekam ein email aus Hawai`i. In Big Island fließt die Lava durch Puna, durch Pahoa, streift all die vielen Plätze, die wir besucht haben, verschlingt Bäume und Landschaften, schneidet Ortschaften ab, indem Madame Pele, diese starke, kraftvolle und doch so unbarmherzige Feuergöttin, die Straßen überquert und mit ihrer glühenden Spur unpassierbar macht.
Wer hier sein Haus gebaut hat, ist nie sicher. Zwar ist die Lava langsam, man kann vor ihr flüchten, kann rechtzeitig sich selbst und seine Habseligkeiten retten, aber das Zuhause kann für immer niedergebrannt werden, verschwinden unter dem feurigen, heißen, rotschwarzen Brei, diese schwere leckende Zunge, die wie ein Drache gefräßig verschlingt, was ihr in die Quere kommt.
Den Einwohnern dieser wunderbaren, mystischen Insel, die gerade wegen dem lebendigen Vulkan so eindrucksvolle Landschaften und Klimazonen vorweisen kann, ist der Preis bewusst, den sie bereit sind zu zahlen, um hier leben zu dürfen. Anders als die Touristen, die sich nur aus einer Sensationslust bis auf wenige Meter dem gefährlichen Feuerfluss nähern, erkennen die Einheimischen, dass es Pele ist, also eine Wesenheit, die sich ausdrückt, sich zeigt, Aufmerksamkeit fordert.
Bei meinen Aufenthalten in Big Island habe ich mich nie nah an die Lava getraut. Viel zu groß ist mein Respekt. Es genügte mir, zu sehen, wie Pele gibt, indem sie neues Land schafft, die Insel immer wieder verändert, vergrößert und wie Pele nimmt - das große Lavafeld, das eine ganze Ortschaft verschlungen hat, und wo heute wieder Pflanzen wachsen und die Menschen ihre Häuser bauen. Ich hörte den Geschichten zu, die mir die Hawaiianer erzählten. Sie haben erfahren, dass man nicht für immer alles behalten kann, dass das Leben ein Fluss ist, der sich bewegt, verändert. Und dass wir gut daran tun, mit diesem Fluss zu gehen, den Moment zu leben. Dann können wir auch da leben, wo wir uns wohl fühlen, immer im Bewusstsein, dass nichts für die Ewigkeit ist.

Bist du etwa bescheiden, sittsam und rein?


Sei wie das Veilchen im Moose
bescheiden, sittsam und rein.
Und nicht wie die stolze Rose
die immer bewundert will sein.

Das fiel mir gestern wieder während eines Gespräches ein, in dem es darum ging, dass, wenn wir es schonmal wagen, uns ganz vorne hinzustellen und unsere Meinung kundzutun, sofort jemand zur Stelle ist, der uns auf die Finger klopft: "Spiel dich nicht auf!  Halte dich mal mehr zurück! Gib nicht so an!"
Aber wer hat hier eigentlich ein Problem? Wir sind fast alle so geprägt, dass es negativ bewertet wird, wenn jemand im Mittelpunkt steht und es womöglich auch noch genießt! Aber wie sähe die Welt aus mit lauter bescheidenen, sittsamen Veilchen, die sich im Hintergrund ducken? Die, die uns in die Schranken verweisen, kämpfen wohl mit einem gewissen Neid auf all diejenigen, die sich den Raum der Aufmerksamkeit nehmen.
Ich merke in meiner Arbeit oft, wie die Ausdruckskraft schamhaft zurückgehalten wird. Das finde ich so schade, weil dann einfach die Möglichkeit des lebendigen Wechselspiels innerhalb eines Gespräches wegfällt.
Und wer sagt denn, dass die Rose bewundert sein will? Sie zeigt sich einfach und indem sie das tut, öffnet sie sich sowohl der Bewunderung ihres Betrachters - als auch dem Neid.

Ohne Beziehungsfähigkeit geht nichts

Hinter mir liegt eine ziemlich aufregende Woche, man könnte auch sagen anregend. Es begann letzten Mittwoch mit einem Vortrag zur Eröffnung der Frauenwirtschaftstage. Antje Schrupp sprach zum Thema Netzwerken. Wer gedacht hatte, hier würden ein paar schnelle Tipps und Tricks verraten, wie man sich Kunden angelt, der war sicher enttäuscht. Für mich war es einfach nur Genuss pur, von dieser sprachgewandten Frau das zu hören, was schon lange meine Meinung ist, was aber im allgemeinen "Erfolgs - und Leistungswahn" wenig populär scheint. 
Es geht nämlich nicht darum, nach Geld, Macht und Ansehen zu streben und dabei letztlich nur Kontakte zu pflegen, die einem von Nutzen sein könnten. Der wahre Erfolg, so sagt sie, besteht darin, dass wir etwas bewegen können, etwas bewirken können. Ein gutes Beispiel ist, wenn ich manchmal etwas frustriert bin, weil mein Blog nicht die tausend LeserInnen pro Tag hat, wie ich es mir wünsche und Kommentare auch nur spärlich sind. Heißt das, ich habe also keinen Erfolg mit Bloggen? Antje Schrupp sieht das anders. Sie meint, was nützt es, wenn tausend Leser begeistert "liken", und Jaja rufen, aber es bei keinem etwas wirklich bewegt? Ich erlebe es hin und wieder, dass mir jemand persönlich schreibt, wie und was der Lebenskünstler-Blog bei ihm oder ihr angestoßen hat. Das ist der Erfolg.
Um wirklich etwas bewirken zu können, müssen wir uns zusammenschließen, miteinander in Beziehung gehen. Gerade das zeichnet uns Frauen ja aus, dass wir beziehungsfähig sind, dass es uns Freude macht, Beziehungen zu pflegen. Doch echte Beziehungen brauchen Zeit. Und die wenigsten nehmen sich diese Zeit heutzutage noch. Im Gespräch nach dem Vortrag erzählte mir Antje Schrupp, dass sie sich seit Jahren mehrmals im Jahr mit einer Gruppe von Frauen trifft, die von überall her kommen. Sie nehmen sich Zeit, ein Wochenende miteinander zu verbringen. Es steht zunächst gar nicht mal ein bestimmtes Projekt vor Augen. Es geht einfach um das Treffen selbst, um den Austausch, um den "Mehr-Wert" den jede Frau mit ihrem Können, mit ihren Talenten, mit ihrer Inspiration, einbringt. Daraus entsteht dann etwas. Die Vielfalt des Austausches regt an, wirkt schöpferisch und entfaltet das wahre Potenzial von Miteinander.
Ja, das war Wasser auf meine Mühlen! Schon am nächsten Tag kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die sich für die Jahresfortbildungsgruppe "Lebendige Kommunikation" interessierte und die fragte, was nun besser sei, diese Gruppe oder mein anderes Angebot "12 Schritte zu dir selbst".
Für mich ist und bleibt das Kernstück meiner Arbeit die Jahresgruppe. Sie ist der wichtigste Baustein für ein Miteinander. Einige meiner Teilnehmerinnen  haben danach die 12 Schritte belegt, einfach um noch ein paar sehr persönliche Themen abzuklären, oder Themen aus der Jahresgruppe nach einiger Zeit wieder aufzufrischen.
Es ist wichtig, dass wir voneinander lernen, dass wir in Resonanz gehen miteinander. Nur so erfahren wir uns selbst in Bezug zu unseren Mitmenschen und lernen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede wahrzunehmen und damit fruchtbar umzugehen. Verschiedene Sichtweisen erweitern den Horizont. Sich dahin zu bewegen, das macht Spaß!
Antje Schrupps Vortrag hat mich im Sinn meiner Arbeit bestätigt und mir neue Inspiration gegeben.

...und das sagen meine Kursteilnehmerinnen über die Jahresgruppe klick hier

Selbst-Bewusst-Sein

Ich arbeite mit Menschen am Selbstbewusstsein, indem ich Körperarbeit mit ihnen mache.
Festgestellt habe ich, dass Menschen mit körperlicher Behinderung ein anderes Selbstbewusstsein haben, als Menschen ohne körperliche Behinderung. 
Und das ist spannend!
Sie können nämlich voneinander lernen! Menschen ohne akute körperliche Behinderung sind sich ihres Körpers fast gar nicht bewusst, egal wieviel Fitness-Programme sie durchziehen. Sie sind im Kopf. Menschen mit körperlicher Behinderung setzen sich jedoch jeden Tag mit ihrem Körper auseinander. Sie wissen haargenau was geht und was nicht. Sie sind Spezialisten im Einschätzen ihrer Funktionen und wir sollten sie darin absolut ernst nehmen.
Leider tun das viele nicht. Das sollte sich ändern. Ich würde sehr gerne gemischte Kurse geben, aber die körperlich Behinderten trauen sich offenbar nicht, da sie nicht wissen, sich also selbst nicht bewusst sind, dass sie unglaublich wertvolle Kompetenzen mitbringen! 
Mein Freund ist blind und tetraspastisch gelähmt. Wo immer wir miteinander sind und ich ihm helfe, höre ich genau zu, was er mir sagt, welche Anweisungen er mir gibt. Manche Menschen um uns herum reagieren oft zutiefst befremdet, da sie meinen, ich müsste es doch besser wissen, weil ich sehen kann. Eben nicht. Wenn er sich beispielsweise mühevoll eine Treppe hocharbeiten will, dann weiss nur er allein, wo und wie er seinen Fuß aufsetzen muss, und er allein bestimmt, wann ich ihm helfe und wie.
Und so lerne ich täglich etwas über Selbst-bewusst-sein.

Von der Rührung zur Entschlossenheit und Tatkraft

Das Konzert und die Lesung am letzten Sonntag in der alten Synagoge Kippenheim hat offensichtlich viele der Zuhörer bewegt. Eine knisternde Spannung im Raum war deutlich spürbar. Die Auswahl unserer Lieder und Texte berührte die Menschen so sehr, dass sogar einige Männer Tränen in den Augen hatten.
Ich wurde zweimal darauf angesprochen, wie es mir möglich war, die Briefe und Gedichte Ilse Webers so vorlesen zu können, ohne dass mir selbst die Stimme versagte, bei all dem Leid.
Als Schauspielerin versetze ich mich in die Zeit und in den Menschen, den ich verkörpere oder dessen Worte ich durch mich sprechen lasse. Ich versuche es zumindest. Ilse Weber war kein Mensch, der sich selbst bemitleidete. Sie schrieb keine Briefe des Jammerns und Wehklagens, auch wenn ihr Schmerz und ihr Leid durchklingt. Doch wie die meisten Menschen von uns, die in einer schlimmen Krise stecken, war sie vor allem damit beschäftigt, alles zu tun, damit es für sie und ihre Angehörigen besser auszuhalten war und auch die Hoffnung auf bessere Zeiten war ja da.
Nur wir wissen, wie es letztlich ausgegangen ist und deshalb sind wir erschüttert, gerührt, betroffen.
Natürlich freut man sich als Künstler, wenn sich die Zuschauer betreffen lassen. Dennoch finde ich gerade in diesem Fall ein "Zu-Tränen-Gerührt-Sein" nicht angemessen.
Wir alle möchten so eine Zeit nie wieder erleben. NEIN! Und doch geschieht es. Im selben Moment, in dem wir die Lieder vortragen, werden Menschen gedemütigt, gefoltert, hingerichtet, entwürdigt! Wir dürfen nicht in Rührseligkeit und Bedauern der alten Zeiten wegen verharren, sondern entschlossen dem entgegen treten, was heute ist. Haltung beziehen, statt sich in Tränen aufzulösen! Dass Menschen ausgegrenzt werden, misshandelt werden, das geschieht nicht nur weit weg von uns. Das geschieht auch in Schulen, in Familien, überall dort, wo Macht und Ohnmacht aufeinander treffen, wo Andersartigkeit als Bedrohung empfunden wird.
Schau bei dir im Umfeld nach. Und tu etwas dagegen.

Gedenkkonzert mit Lesung


Zur Zeit bereite ich mich auf eine Lesung vor, die ich Anfang Oktober im Rahmen einer Gedenkfeier für Ilse Weber halten werde. Tobias Kopf, Barbara Höpler und ich haben schon einige Male in der Synagoge in Kippenheim Literatur, Musik und Lieder von jüdischen KünsterInnen vorgetragen.
Ilse Weber ist eine von ihnen. Sie schrieb und komponierte vor allem für Kinder, die sie in Theresienstadt betreute. Getrennt von ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn Hanuš arbeitete sie als Kinderkrankenschwester im Konzentrationslager, wo sie zusammen mit ihrem jüngeren Sohn im Oktober 1944 ermordet wurde.
Ich werde aus Briefen lesen, die sie nach England schrieb, sowie einigen Gedichten, die vom Alltag und der Tragik der ganzen Situation in einer Art und Weise sprechen, die nicht wirklich zu fassen ist, jedoch tief unter die Haut geht.
Die Sängerin Barbara Höpler und der Gitarrist Tobias Kopf haben die meist nur mündlich überlieferten Lieder neu arrangiert und in der Ehemaligen Synagoge Kippenheim auf CD aufgenommen. Ein besonderes Lob und Dank erhielten sie dafür von Hanuš Weber.


So, 5.10. 17 Uhr, alte Synagoge Kippenheim/Ortenau, Eintritt auf Spendenbasis

Bilder oder Worte?


Wir waren gestern mal wieder im Kino. "Words and Pictures" wurde gezeigt. Ein Literaturlehrer und eine Kunstlehrerin streiten sich darüber, was mehr Macht und Wirkung hat: Worte oder Bilder?
Ein amüsanter Schlagabtausch, humorvoll und doch tiefgründig, regte zum Nachdenken an.
Ich glaube, dass kaum ein Satz entsteht, ohne dass nicht zuerst ein Bild vorhanden ist. Dazu muss man nicht einmal sehen können, denn die meisten Bilder sind innere Bilder, oftmals gar nicht visuell, sondern mehr gefühlt. So spricht im Film die Kunstlehrerin davon, dass das Bild erst dann Kunst wird, wenn es uns nicht nur im Kopf erreicht, sondern auch im Herz.
Mit Worten ist es ähnlich. Wir können sie einfach dazu benutzen um Informationen auszutauschen, oder aber Gefühle zu wecken, nachdenklich zu stimmen, zu inspirieren.
Für mich ist ein Bild immer wichtig, um überhaupt in meine Worte zu kommen. Bei einer Ausstellung neulich in Hasenweiler (dem Nabel der Welt!), wurden Stickereinen von Frauen aus Afghanistan gezeigt. Es sind wunderschöne Stickquadrate, die Bilder aus ihrem Alltag zeigen, wie in diesem Fall Utensilien aus der Küche. Die Frauen sprechen nicht unsere Sprache, aber mit ihren Bildern und Farben sprechen sie dennoch zu uns. So verbinden Bilder in ganz ursprünglicher Weise und unabhängig von Nationalität und Kultur. Worte können aber durch ihren Klang, durch den Rhythmus der Sprache und durch ihre Melodie, sowie durch die Stimme ebenso Bilder hervorzaubern und somit echte Kunst sein, Lyrik, Poesie, Literatur.